Artur Becker

Von Barschen, Augustäpfeln und anderen Menschen

Erzählungen

© Edition Faust, Frankfurt am Main 2025

Für meine Eltern

»A writer should never abandon his mother tongue and its treasure of idioms. Literature must deal with the past instead of planning the future. It must describe events, not analyze ideas; its topic is the individual, not the masses. It must be an art, not pretend to be a science.«

»Ein Schriftsteller sollte niemals die Sprache seiner Vorfahren aufgeben und auf ihre Schätze verzichten. Die Literatur muss sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen und nicht die Zukunft entwerfen. Sie muss Ereignisse beschreiben und nicht irgendwelche Ideen analysieren; ihr Gegenstand ist das Individuum, nicht das Kollektiv. Sie muss eine Kunst sein und darf nicht so tun, als sei sie eine Wissenschaft.«

»The Image and Other Stories«, New York 1985
Isaac Bashevis Singer

Übersetzt von Artur Becker

Inhalt

Der Diktator vom Gehlandsee
Und ich dachte an den Abschied im Frühling
Bei Tagesanbruch sage ich euch dann »Auf Wiedersehen, Kälte!« Eine Erzählung von vergifteter Zeit
Der Fuchsmann und die Fliegenpilze im Schnee
Von der Freiheit des Nachtportiers. Eine etwas andere und doch immer die gleiche Lovestory, aber dennoch heute
Der weiße Schrott
Die Urne
Honig im Herzen, Gurkenscheiben im Gesicht
Pusteblumen oder Felix Nussbaums Gemälde »Der Sturm (Die Vertriebenen)« von 1941
Drei Wege zur Kirche
Lebendige haben kein Grab
Von Barschen, Augustäpfeln und anderen Menschen
Der Verbannte
Zaduszki – Allerseelen mit Onkel Kazik
Hells Angels

DER DIKTATOR VOM GEHLANDSEE

I. Butcher und Daniel

1. Was die Welt glaubt

Alle Welt glaubt, das Erholungszentrum Rusałka am Gehlandsee sei der gefährlichste Ort auf Erden. Wer in diese Gegend gerate, werde sofort versklavt und um den Verstand gebracht, und zwar von einem einzigen Mann. Der lebe auf einer Insel des Sees und fürchte sich vor niemandem, nicht einmal vor den Generälen aus Moskau und ihren Panzern und Atombomben. Dieser verwegene Insulaner habe sogar einmal, weil er einen Batzen Geld beim Poker verloren habe, die Skulptur der Gottesmutter, der Gebenedeiten, die in dem heiligen Bildstock im Wald wohnt und immerzu weint, angespuckt. Aber nichts sei ihm nach dieser lästerhaften Beleidigung passiert, weder am See noch auf der Straße, die gerechte katholische Strafe sei einfach ausgeblieben, obwohl er die Heilige Maria zu allem Überfluss auch noch als Gotteshure beschimpft habe. Auch einen General aus Warschau habe er einmal angespuckt, weil der für seinen Ferienaufenthalt in einem der Bungalows auf der Insel nichts habe zahlen wollen. Der knauserige Idiot und Kommunist im Dienste der Sowjets sei von Butcher angespuckt und krankenhausreif geprügelt worden, und ein Hubschrauber habe auf der Insel landen müssen, um den General zu retten.

Über das Erholungszentrum Rusałka erzählt man sich auch noch ganz andere unglaubliche Dinge. Alle sagen, Rusałka folge seinen eigenen Gesetzen. Als besäße es seine eigene Sonne, seinen eigenen Mond und seinen eigenen Himmel: in dieser ermländisch-masurischen Moränenlandschaft der Dreitausend Seen und Wälder, der Augustäpfel und Barsche.

Daniel Wyremba, der dreiunddreißigjährige Leiter des Erholungszentrums, fragte sich allerdings schon lange nicht mehr, ob es stimmte, was die Leute über Rusałka, den Gehlandsee, seine Touristen und den Inselbesitzer sagten, ob in Ermland und Masuren oder gar im Ausland; Besuch aus Schweden, England oder Deutschland war hier nicht selten. Doch hatte auch Daniel manchmal Angst, den nächsten Morgen nicht mehr zu erleben. Jeden Tag nahm er sich in Acht und versuchte, dem unberechenbaren Inselbesitzer aus dem Weg zu gehen, obwohl das am Gehlandsee kaum möglich war. Man kannte sich ja nicht erst seit gestern: Man kannte den Förster, den Milizionär und die Leiter der verschiedenen anderen Erholungszentren; man kannte auch die Deutschen, die Ukrainer und die Polen, die im benachbarten Wutry in einem staatlichen landwirtschaftlichen Betrieb schufteten und die Jahrespläne der sozialistischen Regierung gewissenhaft zu erfüllen versuchten, indem sie Schweine mit Schuhcreme beschmierten, um sie dem 1. Parteisekretär Gierek, dem hohen Besuch aus Warschau, gesünder, mächtiger und irgendwie »sozialistischer« präsentieren zu können.

Neben dem Rusałka gab es drei weitere Erholungszentren an den Ufern des Gehlandsees und im Wald – die Warschauer, die Danziger und die Allensteiner Zentren – und eben die private Gehlandinsel, auf die vor allem die Parteisekretäre, die Fabrikdirektoren und die Generäle scharf waren. Dort wohnte er, Daniels Feind: Der Inselbesitzer Albrecht Butcher, auch er dreiunddreißig Jahre alt. Vor ihm fürchteten sie sich alle: Die Touristen, die Leiter der anderen Erholungsbetriebe, selbst die Regierung in Warschau hatte Angst. Albrecht habe, hieß es, schon mehr als zehn Pilzsammler, Fischer und Einheimische im Wald eigenhändig erwürgt, aber da er mit den höchsten Tieren im Staat Geschäfte mache, sei er praktisch unverwundbar. Und außerdem so gut wie unsterblich, Daniel war einmal bei einer Wildschweinjagd unverhofft selbst Zeuge eines Wunders geworden. Albrecht Butcher war von der Patrone eines betrunkenen Jägers getroffen worden, ein Bauchschuss. Normalerweise hätte er im Schnee verbluten müssen, er aber stand auf, zog die großkalibrige Patrone unter seinem Pelzmantel hervor und schrie: »Ich werde diese dumme Sau, die da auf mich geschossen hat, töten!«

Das Erholungszentrum der Textilfabrik aus Bartokamień war jeweils von Juni bis Ende September geöffnet. An jedem 1. Juli fuhr Albrecht Butcher nach Deutschland, um D-Mark zu verdienen und dunkle Geschäfte zu machen. Jahr für Jahr wiederholte sich dieses Ritual – und immer brachte Albrecht großzügige Geschenke mit: für Auserwählte und ehemalige Opfer.

War also Butcher in Westdeutschland auf seinem Raubzug und zu Besuch bei seinen Verwandten, verwandelte sich Rusałka, das über dreizehn kleine und drei große Bungalows, einen Speisesaal mit Großküche und ein Lager für Benzin, Bettwäsche, Badmintonschläger, Außenborder, Nägel und Werkzeug verfügte, in einen Vergnügungspark (die kleinen Hütten waren für die Näherinnen und ihre Familien reserviert, sie kampierten in einem Raum, die luxuriösen Bungalows dagegen hatten drei Zimmer – viel Platz für Direktoren, Schauspieler oder andere bunte Vögel, die auf Geld schliefen). Es fehlte nur das Riesenrad, das Wonder Wheel, das Daniel aus dem Kino Muza in seiner Heimatstadt kannte. Aber im Juli drehte sich Rusałka selbst wie ein Karussell, die Frauen drehten sich und der Wodka und die Ebereschen und Barsche im Gehlandsee; die Urlauber waren glücklich, allen voran die Näherinnen aus der Textilfabrik. Im Juli waren die Gerüche die Könige der Natur, im Wald, auf den Wiesen und an den Seeufern roch es nach Kuhfladen und -pisse, nach Wildrosen, Astern und Mohnblumen, es roch nach Benzin für die Außenborder und am Touristenkiosk nach Wodka und Bier, und das ganze Erholungszentrum roch nach Liebesschweiß und zerquetschten Heidelbeeren aus dem Wald. So zeugte Rusałka Sommer für Sommer Kinder, und Daniel fragte sich, wie viele dieser Babys in Wahrheit auf Albrecht Butchers Kappe gehen mochten, zumal der Inselbesitzer gern stolz behauptete, er zeuge mit den Näherinnen im Erholungszentrum eine neue Generation von Menschen, zumal es den Kommunisten ja bisher nicht gelungen sei, den Neuen Menschen in Polen zu erschaffen.

Dann aber folgte der böse August. Anfang des Monats kehrte Albrecht Butcher aus Westdeutschland zurück, mit prall gefülltem Portemonnaie, gierig, durstig, hungrig und voller Wut, um jedem Lebewesen, und sei es bloß ein Hündchen am Wegesrand, Angst einzujagen. Und Butcher hatte ermländische, ostpreußische und sozialistische Fäuste, die danach lechzten, Schädel zu zertrümmern und Knochen zu brechen.

Nach seiner Rückkehr griff sich Butcher im Erholungszentrum die schönste Näherin, entführte sie nachts oder am frühen Morgen aus ihrem Bungalow, kaufte bei Pewex zwei Kisten Wodka und brachte die Näherin in sein Goralenhaus, das wie eine schief und halbfertig gebaute Pyramide aussah und am Waldrand lag, allerdings gut versteckt, fast unsichtbar, hinter einer Mauer aus Kiefern und Lärchen, da das riesige Holzhaus mit sieben Zimmern in einer Senke zwischen zwei Hügeln stand. Das perfekte Versteck war etwa drei Kilometer vom Erholungszentrum Rusałka entfernt und befand sich im Südwesten des Waldes, an seinem äußersten Rand, wo es eine günstige Anbindung an die B16, die Schnellstraße nach Olsztyn, gab.

Und wenn das entführte Mädchen Butcher langweilte, fuhr er mit dem Motorrad zurück an den See und prügelte sich auf dem Campingplatz mit Fremden oder zündete einen Urlauberbungalow an und jagte dessen Bewohner in den Wald, um ihnen Todesangst zu machen. Allerdings ließ er den Bungalow nach dem Brand auch immer wieder aufbauen. So war Albrecht Butcher.

Nach etwa zwei Wochen derlei Terrors kehrte er auf die Insel zu seiner Frau Helena zurück, empfing wohlhabende Sommergäste aus dem Ausland, meist aus Westdeutschland, und renovierte Bungalows oder Boote. Eines musste man ihm lassen: Butcher war, wenn er keinen Wodka trank und nicht den Mädchen nachstellte, enorm fleißig. Er hatte nicht nur böse, sondern auch fleißige Hände, und oft zahlte er seinen Opfern sogar eine Entschädigung oder half ihnen anderweitig, mochte es auch nur um das Streichen eines alten Holzbootes gehen oder um Turnschuhe aus dem Westen für den Sohn einer Näherin (dessen Vater vielleicht sogar er selber war).

2. Rusałkas Gesänge und Albrecht Butchers Rückkehr

Es war Anfang August, und Daniel hatte die ganze Nacht geangelt, neue Legeschnüre mit Aalhaken ausgelegt und alte mit einem üppigen Fang eingeholt.

Als er am frühen Morgen, es war der 6. August 1980, sein Motorboot im Jachthafen von Rusałka wieder an die Kette legte, spürte er, dass der August hier im Norden Masurens bereits die ersten Vorbereitungen für den langen Herbst traf. Der See hatte sein dunkles Meeresblau der prallen Julisonne verloren, aber vielleicht war er ja auch nur deshalb grün geworden, weil Albrecht wieder da war. Die Algen blühten und nahmen den Kleinfischen den Atem. Es war auch in der Luft zu spüren: Butcher war zurück. Selbst die Ebereschen am Feldweg spürten es, auch sie hatten ihre frische Sommerfarbe verloren und ihre roten Beeren schmeckten den Spechten nicht mehr.

Manchmal, wenn Daniel ein paar Bier am Touristenkiosk getrunken hatte, glaubte er, sein Erholungszentrum singen zu hören; manchmal war es ein Liebeslied, weil die Näherinnen am Lagerfeuer tranken und sangen, manchmal ein böses, ein teuflisches Lied aus dem Wald, wo Butchers Goralenhaus stand, in das der Inselbesitzer seine Freunde, Jäger, Angler und Parteifunktionäre einlud, um mit ihnen zu saufen und Wildschweine zu schießen. Angeblich war das Goralenhaus dann auch voller Nutten aus Olsztyn, die sich auf den üppig gedeckten und schweinefett- und wodkatriefenden Tischen räkelten wie wilder Efeu.

Auch andere hörten die Lieder Rusałkas und des Waldes, wenn sie vom Angeln oder von der Arbeit auf den Feldern zurückgingen. Bruno Sziwy hörte sie und seine Mutter Hilda, die im Erholungszentrum die Toiletten putzte: »RUSAŁKA, RUSAŁKA, RUSAŁKA! Wir brauchen Liebe, Liebe, Liebe!«

Von Zeit zu Zeit nahm Daniel den jungen Bruno mit zum Angeln. Der Deutsche räucherte und verkaufte die Aale, und so sah er auch einmal etwas anderes als immer nur seine Mutter und die Schweine und Kühe ihres Gehöfts oder die Bikinimädchen auf dem Campingplatz, die ihn ohnehin für einen Dorftrottel hielten. In der Tat war Bruno Sziwy nicht besonders intelligent und konnte nie auch nur eine Frage beantworten. Immer zog er bloß die Augenbrauen zusammen und wiederholte die Frage: »Wie ich heiße? Wo ich wohne? Wie alt ich bin? Kurwa, was ist das überhaupt für eine Frage?!«

An diesem silbern aufwachenden Morgen, der die Wiesen in ihrer Kälte und Feuchte glitzern ließ, brachte Daniel einen prächtigen Fang ins Rusałka. Im Rucksack zwölf Aale von den Legeschnüren und drei Hechte, die er mit dem Blinker und der Spinnrute gefangen hatte. Er würde die Hechte, worauf er sich freute, dem eitlen Czybulski aus Lodz zeigen, der in dem luxuriösen Zwei-Zimmer-Bungalow auf dem Hügel wohnte. Hier, wo der Wald begann, residierten eigentlich nur Parteibonzen und ihre Kinder, und Daniel dachte, obwohl er das dem eitlen Schauspieler mit der schwarzen Sonnenbrille eigentlich nicht wünschte: Pass du mal auf, wenn Butcher wirklich heute zurückgekommen ist, wird er sich deine Frau schnappen und sie ganze zwei Wochen lang in seinem Goralenhaus mit teuren Geschenken verwöhnen. Dann wirst du, Czybulski, den Gesang des Waldes und der Keiler kennenlernen und mich und meinen Schwager, den Fabrikdirektor, und die Miliz anflehen, dir zu helfen, aber wir werden dir nicht helfen! Dann wirst du zum Haus von Butcher laufen und dich dort wie ein erbärmlicher Straßenköter im Gras hin und her wälzen, und betrunkene Touristen werden dich anspucken und auslachen!

Vom Jachthafen und Badestrand aus brauchte man zu Fuß lediglich eine Viertelstunde, und schon betrat man das Gelände des Erholungszentrums. Schmunzelnd ging Daniel am Campingplatz vorbei, wo sich Hippies und Punker die riesigen verdorrten Wiesenflächen für ihre Zelte und Wohnwagen mit reichen Schlesiern und Warschauern teilten, die sogar tragbare Fernseher auf den Motorhauben ihrer Audis und BMWs aufstellten, um die bekifften und betrunkenen jungen Leute zu ärgern: IHR WERDET NIE REICH WERDEN, WEIL IHR DER LETZTE DRECK SEID!, schrien die Audis und BMWs mit den Warschauer Kennzeichen.

In diesem Jahr waren alle Freunde und Verwandten von Daniel zwei Wochen lang da, denn sobald die Näherinnen versorgt waren, durfte er auch fremden Gästen einen freien Bungalow anbieten: den dicken Schweden in Latzhosen, die mit ihren Wohnwagen nach Masuren kamen und Kindern Werbeaufkleber von Dunlop, Adidas oder Wrangler verkauften; den Eltern des Schauspielers aus Lodz und sogar den Deutschen aus der DDR, obgleich denen die Fersen brannten, die Füße juckten und die Haare nach dem dritten Wodka zu Berge standen, schossen doch die Fleischpreise in Polen ständig in die Höhe, was zur Folge hatte, dass Danzig und Stettin den Stahl in den Werften zum Glühen und Schmelzen brachten – vor Wut auf die Partei. Walentynowicz und Wałęsa durften nicht mehr arbeiten, im Juli hatten schon die ersten Arbeiter in Świdnik gestreikt, und Daniels Gäste aus der DDR gingen vorsichtig ins Wasser, wuschen sich vorsichtig und freudlos die Haare im Gehlandsee, denn sie hatten Angst vor einem Krieg, den die Polen mit ihren Streiks hervorrufen könnten. Die »Dederuskis«, wie man sie hier zu nennen pflegte, sagten, es sei alles eine Katastrophe biblischen Ausmaßes, ein Arbeiter dürfe im Sozialismus schließlich nicht streiken!

Daniel näherte sich mit seinem schwer beladenen, nach Fisch stinkenden Rucksack dem ersten Bungalow, in dem seine Schwiegermutter Dominika wohnte. Sie kniete vor der Terrasse und wartete auf Nachschub: auf die Kronkorken, die ihr die Biersäufer brachten. Zwischen den Findlingen, auf denen die Trinker saßen und mit Lichtgeschwindigkeit die Flaschen leerten, fand man immer welche, auch alte Kippen und sogar Kondome.

Der Bungalow der Schwiegermutter hieß YETI. Jede Hütte im Rusałka trug einen Namen. Daniel blieb stehen, um zu verschnaufen.

»Mama, was tust du da eigentlich? Warum kriechst du auf der Erde herum wie ein Wurm?«

Noch bevor sie ihm antworten konnte, sah er das Gesicht, das Dominika vor dem Terrasseneingang ihres YETIS aus den Kronkorken zusammengesetzt hatte – einer Fußmatte ähnlich. Es war das Gesicht von Jesus Christus, ihrem Heiland und Erlöser, den Dominika in jedem Gespräch mindestens einmal erwähnte und an den sie sich morgens, mittags und abends mit inbrünstigen Gebeten und Bitten um Erleuchtung und Frieden im Erholungszentrum und auf der ganzen Welt wandte. Dass er am Ende aller Tage auf Erden leibhaftig erscheinen sollte, mochte sie trotzdem nicht so recht glauben, da sie sich mit der Geisterwelt und dem Jenseits ganz gut auskannte, zumindest besser als der Priester Kołakowski aus Bartokamień, der ihr jeden Sonntag die Beichte abnahm. Jedenfalls besaß Dominika ein ungewöhnliches Talent, das allerdings im Sozialismus als verdächtig galt: Sie hatte prophetische Visionen und ließ sich gern – im Übrigen nicht umsonst – für die Beantwortung von Zukunftsfragen einspannen; ein netter Nebenverdienst, der Dominika allerdings viel Kraft kostete. Die Fragen wiederholten sich außerdem: »Wird meine Tochter wieder gesund? Wird es den Dritten Weltkrieg geben? Werden die Russen in Polen einmarschieren? Wie lange werde ich leben? Und wie lange wird der Kommunismus noch dauern?« Als eine alte und erfahrene Näherin liebte sie es, wenn man ihr Komplimente machte, auch wenn kein Mann sie mehr begehrte, nachdem ihr Ehegatte schon vor vielen Jahren geflohen und auf Nimmerwiedersehen verschwunden war.

»Das ist ja Jesus Christus!«, rief Daniel völlig entgeistert aus, der immer noch keine Antwort bekommen hatte. »Und warum bist du schon auf den Beinen? Warum schläfst du nicht endlich aus? Du hast Urlaub!«

»Warum, warum?«, ärgerte sich Dominika. »Du redest schon wie der geisteskranke deutsche Bruno! Hast du es noch nicht gehört? Albrecht Butcher ist wieder zurück. Meinen Bungalow wird er nicht betreten. Jesus Christus wird mich vor diesem Teufel aus dem Wald beschützen. Mich und meine Tochter, die du ihm verkauft hast.«

»Ich habe ihm nichts verkauft, er hat sie sich einfach genommen!«

»Du bist kein Mann! Warum tötest du ihn nicht? Immer, wenn ich Butcher sehe, habe ich dieses Bild vor Augen: Es ist eisig kalt, der Gehlandsee ist zugefroren, ein junger Mann schreit: ›Ich ertrinke!‹, und er schreit wie Butcher …«

»Butcher ist unsterblich, Mama. Ich gehe jetzt schlafen. Die Freude über meinen gewaltigen Fang wird mir bestimmt einen ruhigen Schlaf bescheren. Der Leiter von Rusałka braucht schließlich auch einmal Erholung. Hoffentlich ertrinkt heute niemand im See …«

Daniel nahm ihre Prophezeiungen eigentlich nie ernst, und diejenigen, die sich erfüllt hatten, rechnete er dem Zufall zu. Sie prophezeite auch, dass der Ostblock bald zusammenbrechen würde. In einem Traum habe sie drei Neunen gesehen, und eine Stimme habe ihr gesagt, wenn die erste Neun komme, sei das Schicksal des Sowjetreiches besiegelt. Daniel und auch die Fabrikdirektoren erwiderten, der Sozialismus sei so gut wie unsterblich, er werde noch hundert Jahre dauern, niemand von den heute Lebenden und nicht einmal deren Kinder würden das Ende des Sowjetreiches erleben, und lachten Dominika aus.

»Irgendwann werden sie dich schnappen und ins Gefängnis stecken, du Wilderer«, sagte sie endlich.

»Butcher wird mich freikaufen. Und außerdem werden sie Kobra schnappen, nicht mich. Kobra ist Profiwilderer.«

»Und Butcher ist ein Mörder. Er handelt mit Seelen und auf dem Schwarzmarkt mit Devisen. Ein Wunder, dass er seine Insel noch nicht verkauft hat. Er schläft doch so gern im Wald, bei seinen Keilern und seinen Nutten. Die arme Pani Helenka! Warum musste sie nur diesen Teufel heiraten? Ihr Mann ist heute aus Westdeutschland zurückgekommen, ich weiß es, der Wald hat es mir gesagt, er hat mich heute Nacht geweckt. Das ist ein böser Ort, der Wald. Im See wohnen Ertrunkene, und im Wald singen die Keiler und Jäger ihre sündigen Lieder … Du solltest übrigens mal zum Bildstock mit der Gebenedeiten laufen und nachschauen, ob nicht schon wieder jemand von Butcher verprügelt worden ist. Die Träume haben es mir gesagt und der Wald singt auch schon wieder sein böses Lied …«

»Ich höre weder den See noch den Wald singen und schon gar nicht unser Erholungszentrum! Ich gehe schlafen, und du kannst gleich die Hechte schuppen und die Aale ausnehmen. Ich muss mich jetzt hinlegen.«

Er träumte vom warmen Körper Agnieszkas, die der Inselbesitzer vor sieben Jahren in seinem Goralenhaus eingesperrt und sich nächtelang mit ihr vergnügt hatte. Agnieszka behauptete stur und steif, dass ihr Kind, der fünfjährige Tomuś, »gestohlene Augen« habe, was so viel bedeutete, dass Daniel nicht sein Vater sei. Er musste dann seine Agnieszka, die nicht kochen konnte und wegen der »gestohlenen Augen« ihres Sohnes oft weinte, jedes Mal sanft auf die Erde zurückholen, auf den Boden der Tatsachen. Der kleine Tomuś habe doch die gleiche Blutgruppe wie er, und der Vaterschaftstest habe es doch auch bewiesen, dass Tomuś sein Sohn sei, und damit basta! Aber Agnieszka entgegnete ihm nur: »Und Butcher, welche Blutgruppe hat Butcher?«

»Ich weiß es nicht. Ich habe nur gesehen, als er einmal angeschossen wurde, dass Butcher nicht geblutet hat. In seinen Adern fließt kein menschliches Blut, in seinen Adern fließt vielleicht das Wasser aus dem Gehlandsee, Agnieszka …«

 

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