A r t u r  B e c k e r
Drang nach Osten
Roman (Auszug)
© weissbooks.w, Frankfurt am Main 2017

I. Teil
Schwerkraft ‒ Arthur

Kleines armes Land, was willst du uns heute schon wieder erzählen? Terra Incognita bist du uns immer noch und zwar zu jedem Abschied und zu jeder Neugeburt, obwohl wir meinen, dich so gut zu kennen! Seit Jahrhunderten! Oder willst du uns bloß deine armlangen Sterne schicken, damit sie bei uns niederkommen und uns mit ihrer nächtlichen Umarmung ein wenig ergötzen? Nein? Ach! Tue, was du für richtig hältst, kleines armes Land! Wir werden dich so und so nie vollständig kennenlernen und besitzen ... Deshalb ist uns jede Gestalt, die du geboren hast ‒ aus Lehm und Sternenstaub ‒ willkommen und sogar unsterblich. Ein gewisser Arthur zum Beispiel! Einer deiner ermländischen Söhne! Warum eigentlich nicht Arthur? Dein Diener und Sklave?  

1. Kapitel
Der Grizzly Peak

J

eder Abschied schien ihm eine Vorbereitung auf den Tod zu sein. Arthur hatte schon viele traurige Abschiede ‒ viele kleine Tode ‒ ganz gut überstanden, allerdings war das Gefühl, dass dieses langsame und zaghafte Sterben irgendwann nicht mehr aufzuhalten sein würde und dann zwangsweise das Ende kommen müsste, ziemlich zermürbend. Und alles, was er bis jetzt geliebt hatte, wurde ihm genommen. Er begriff erst sehr spät, dass dies in seinem Leben die Regel war. Früher hatte er gedacht, er habe manchmal ein wenig zu viel Pech gehabt, was doch nichts Außergewöhnliches sei, doch dem war nicht so.
Die Bucht von San Francisco, in der er vier Wochen verbracht hatte, sah aus dem Fenster eines Flugzeugs so friedlich und einladend aus: Der San-Andreas-Graben war unsichtbar, und die vergangenen und zukünftigen Erdbeben kamen einem beim Anblick des blauen Pazifiks, der langen Brücke, der Wolkenkratzer und der Berge auf dem Festland gar nicht erst in den Sinn. In den hohen dünnen Lüften waren die Stimmen der Propheten verstummt. Der Grizzly Peak, von dem aus man die ganze Bucht überblicken konnte, verschwand endlich: zusammen mit den Pazifikmöwen, mit denen die Emigrantendichter hin und wieder sprachen, weil sie ihre kalifornische Einsamkeit nicht ertrugen. 
Gleich nachdem das Flugzeug der Lufthansa in den strahlenden Nachmittagshimmel des ausklingenden Augusts abgehoben hatte, wurde ihm klar, dass er nach Amerika, in den eigentlichen Westen, den wahren, womöglich nie mehr zurückkehren würde. Der Abschied von seinem Onkel Stanisław hatte Arthur viel Kraft gekostet. Und der Streit mit dem alten Mann in der letzten Woche vor dem Rückflug nach Europa schien ihm jetzt völlig sinnlos gewesen zu sein. Er fragte sich nun, warum er seine Nerven nicht hatte beherrschen können? Sein Onkel war doch neunundachtzig Jahre alt und obendrein todkrank, er würde es nicht mehr lange machen …
In den hohen dünnen Lüften, während die Triebwerke einen konstanten, fast schon zum Meditieren animierenden Brummton erzeugten, ließ es sich leicht über alles, was einem nur in den Kopf kam, nachdenken, und deshalb fragte sich Arthur auch ‒ zumal sein Onkel im Sterben lag ‒, ob man sich das Leben nach dem Tod genauso vorstellen musste: als einen weiten Flug in den Osten, wo dem frisch Verstorbenen am Ende des Tages und unter einem Baum Vier Edle Wahrheiten Buddhas offenbart würden?
Seltsame Kreaturen sind wir, dachte Arthur, wir bauen eine Maschine aus Aluminiumblech und Kabeln, um uns in ihr für mehr als elf Stunden einzuschließen und in einer künstlichen Umgebung über uns und unser Tun nachzudenken, in den Weiten der frostigen leeren Erdatmosphäre, weil in gut zehn Kilometern Höhe … Warum tun wir das?
Jedenfalls bereute Arthur den Streit mit seinem Onkel Stanisław sehr, dabei hatte das ganze Gespräch harmlos angefangen. Es war wieder einmal um Amerika und die Emigration gegangen …

2. Kapitel
Ein Produkt der Hypokrisie

A

rthur war achtundvierzig Jahre alt, eins fünfundsiebzig groß und wog achtzig Kilo. Er hatte dunkelbraune Augen und wirres festes Haar. Die Schwerkraft hatte Arthur zum Autor von zwei Sachbüchern über seine polnische Heimat Ermland und Masuren gemacht, die sogar Bestseller geworden waren. Und die Schwerkraft schenkte ihm einen Doktortitel in Geschichte, einen Arbeitsplatz an der Uni Bremen, eine zwanzigjährige Tochter namens Rosalia und zwei Frauen, Anna und Malwina, die er beide liebte, was schon einem Kunststück glich.
Seine erste Liebe, die Anna hieß, war zwar gescheitert, doch er hatte sich inzwischen an diese Niederlage gewöhnt. Seine Kollegen von der Bremer Uni und anderen Hochschulen der BRD mochten ihn ‒ er fiel in der Gruppe nicht auf, seine Artikel und Publikationen waren eher gewöhnlich und durchschnittlich, und er leistete an der Uni nur das, was notwendig war. Seine Studenten beurteilten ihn in den Rankings als einen zuverlässigen und unauffälligen Hochschullehrer, dem Charisma fehlte. Sie wussten nicht, wie sehr er das Unterrichten satthatte. Manchmal nur kam ihm zu Ohren, dass X. oder Z. über ihn neulich gelästert hätten, er sei unter die Populärwissenschaftler gegangen, aber sie waren nur eifersüchtig, dass es Arthur gelungen war, zwei historische Sachbücher an ein breites Publikum zu verkaufen. Mit der Behandlung von Stereotypen lasse sich immer viel Geld verdienen, spotteten sie hinter seinem Rücken. 
Arthur lebte seit dreißig Jahren in Westdeutschland, er hatte einen neuen Namen angenommen und kümmerte sich nicht mehr um seine eigene Herkunft, um seine katholisch-sozialistische Jugend in Polen.
Aber als er vor einem halben Jahr erfuhr, dass sein Onkel Stanisław, der über sieben Ecken mit Arthurs polnischer Großmutter Renata verwandt war, schwer erkrankt sei, beschloss er, ein drittes Sachbuch über Masuren zu schreiben, diesmal jedoch über die Machtergreifung durch die polnischen Kommunisten in seiner ehemaligen Heimat, allerdings aus der Perspektive seiner eigenen Familie und Verwandtschaft, also ein sehr privates und persönliches Buch.
Aus diesem Grunde war er in den sommerlichen Semesterferien zu seinem Onkel geflogen, einem Zeitzeugen, der kurz nach der Beendigung des Zweiten Weltkriegs im ehemaligen Ostpreußen an der kommunistischen Machtübernahme beteiligt gewesen war: natürlich damals als eine neunzehnjährige Rotznase, die sich für einen Marxisten hielt.
Stanisław, ein ehemaliger Kommunist und Jungmilizionär, der die beiden letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs als Zwangsarbeiter der Nazis durchgestanden hatte, besaß über jene schwierige Übergangsphase Wissen aus erster Hand, und Arthur hatte von ihm auch einige traurige Geheimnisse erfahren, in einer Art Beichte ...
Sein Onkel erzählte ihm eines Abends plötzlich davon, dass er ein paar junge Soldaten, die sich in den Wäldern von Ermland und Masuren versteckt und als Partisanen und Antikommunisten gegen die neuen Machthaber gekämpft hätten, gefangen genommen und gefoltert habe. Und zwei Partisanen habe er im Kampf erschossen. Doch das sei noch nicht alles. Er habe auch ‒ was Arthur eigentlich schon seit Langem vermutete ‒ Ryszard verraten, Arthurs polnischen Großvater aus Olsztyn, der unter Stalin ins Gefängnis gehen musste, völlig unschuldig, war er doch im Krieg Zwangsarbeiter gewesen und kein Heimatarmeesoldat. Sein Verbrechen sei gewesen, dass er als hochgebildeter Bourgeois Deutsch und Englisch gesprochen habe, und man sei davon ausgegangen, er sei kurz nach dem Ende des Krieges in der amerikanischen Besatzungszone für ihren Nachrichtendienst angeworben worden ‒ schreckliche Zeiten damals, schüttelte Onkel Stanisław mehrmals den Kopf. Er fügte noch hinzu, er habe außerdem die Kommunisten betrogen: Er habe sich bereits 1968 als Jude ausgegeben, um den Reisepass bekommen und nach Amerika gehen zu können. Ein Offizier habe ihm gesagt, man habe ihn schon seit Längerem beobachtet und verdächtigt, dass er ein mieser Betrüger sei ‒ ein Zionist! Der Offizier habe von Schande gesprochen, weil ihm die Partei das Studium und anschließend ein Leben in Würde ermöglicht habe. 
»Du warst nicht der Einzige, der solche Fehler begangen hat … Und mit deinen späteren Taten hast du uns bewiesen, dass du ein rechtschaffener Mensch bist …«, hatte Arthur seinen Onkel zu beruhigen versucht.
Stanisławs Beichte hatte ihn nur für einen Moment aufgewühlt. Arthur kannte solche Geschichten zur Genüge, und ein ganzes menschliches Leben war oft nichts mehr wert, wenn es zur Abrechnung mit dem eigenen Gewissen kam. Es brachte dann nichts, an die positive Metamorphose der betroffenen Person zu erinnern: Das Böse schien mächtiger zu sein. Und es war schade, dass sich der Wanderer zwischen den Welten nicht selbst vergeben konnte. Schließlich hatte sein Onkel in Amerika eine passable Karriere hingelegt. Nach seiner Auswanderung 1971 in die USA wurde er in Berkeley Professor der Soziologie und ein Spezialist für die Sowjetunion – die Wehwehchen und Verbrechen des kommunistischen Regimes waren ihm bestens bekannt, eben meistens aus der Autopsie.  
Er erzählte Arthur in diesem Zusammenhang auch davon, wie schwierig es für jüdische Physiker und Überlebende des Holocausts gewesen sei, ihre Karrieren nach dem Ende des Krieges in Amerika fortzusetzen. Man habe ihnen verboten, in Physik zu promovieren. Gegen Biologen habe man nichts einzuwenden gehabt, denn Amerika habe damals noch nicht geahnt, welches Potenzial in der Molekularbiologie stecke – die späteren Nobelpreise auf diesem Fachgebiet seien zahlreich. Amerikas Interesse habe damals lediglich dem Bau und der Weiterentwicklung von Atombomben gegolten, was ja topsecret gewesen sei. Und osteuropäische Soziologen seien willkommen gewesen: als Kenner des Erzfeindes in Moskau, doch selbst sie hätten sich warm anziehen und damit rechnen müssen, von der CIA behelligt zu werden, mochten sie auch Juden sein – man habe einfach überall nach Spionen gesucht, wie im Ostblock …
Niemand wusste von Stanisławs dunkler Vergangenheit. Arthur war der Erste, der in den masurischen Wäldern davon sowie von dem Betrug mit der Identität erfuhr. Er glaubte dem alten Mann, dessen tragische Geschichte ihm ordentlich unter die Haut gegangen war, wenn auch nur im Augenblick der unerwarteten Beichte.  
Dabei hatte Arthur auf dem Grizzly Peak endlich die Ruhe gefunden, die er seit vielen Jahren schon so sehr vermisste: Seine Studenten, Doktoranden, Kollegen und Publikationen ‒ sie hingen ihm alle zum Hals heraus. Nun hatte er mitten im Sommer eine lange Zeit der Meditation gehabt, die er so dringend für seine Konzentration und Arbeit an neuen Artikeln brauchte. Der geregelte Tagesablauf wie in einem Kloster hatte ihn gestärkt und zur Höchstleistung angetrieben. In Berkeley, wo sein Onkel als Emeritus wohnte, konnte Arthur jeden Morgen in die Universitätsbibliothek gehen und für sein neues Buch recherchieren. Am Nachmittag hatte er am Schreibtisch gearbeitet und fast alle Abende in diesen emsigen vier Wochen den Gesprächen mit seinem Onkel gewidmet. 

* * *

Aber ein paar Tage vor Arthurs Rückflug nach Europa kam es im Einfamilienhaus des verwitweten Emeritus zu dem heftigen Streit.
Es war wieder einmal einer dieser schwülen Abende gewesen: am schönen Grizzly-Peak-Boulevard, dem serpentinenartigen Weg, der zum Regionalpark auf den Hügeln von Berkeley führte, zu den Seen, Wäldern, Golfplätzen und Wanderpfaden. Arthur hatte sich an dem verhängnisvollen Abend einen Abschiedswhiskey eingeschenkt (sein Onkel durfte keinen Alkohol mehr trinken), wobei Stanisławs Neffe mit dem Einschenken nicht sparsam gewesen war: Er musste ja für seinen Onkel mittrinken. Zu Anfang ihres Gesprächs über Amerika und Emigration hatte er sich sehr zurückgehalten, zumal er die Ansichten von Stanisław kannte. Es gefiel Arthur nicht, dass er aus der polnischen Emigration von vor 1989 eine Truppe von Heiligen und Helden machte. 
Der alte Mann aus Berkeley schien ihm im Sozialismus, in dem er seine polnische Jugend zugebracht hatte, stehen geblieben zu sein. Folglich war seine ganze Vorstellung von den weltumspannenden Verhältnissen in der Politik und Ökonomie ein wenig altbacken und gestrig, obwohl er immer noch als guter Sowjetspezialist galt. Sein Name und seine soziologischen Arbeiten waren in Amerika jedem Spezialisten auf diesem Gebiet bekannt.
Irgendwann im Verlauf ihres anregenden Gesprächs und eher in einem Nebensatz hatte Arthur seinem Onkel erklärt, Amerika habe sich zu einem faschistischen Staat entwickelt, spätestens seit dem Mord an Kennedy habe man wissen müssen, wohin die Reise gehe, und nach dem 11. September 2001 sei es endgültig klar geworden, was hier eigentlich gespielt werde, denn nicht umsonst habe man nach seiner Ankunft am Flughafen von San Francisco von ihm ein Iriserkennungsfoto gemacht, wobei er sich wie ein Verbrecher gefühlt habe; Arthur hatte all dies bei einem zweiten vollen Glas Whiskey, ohne groß zu überlegen, gesagt; und er wollte Stanisław gewiss nicht provozieren. Doch für viele alte Emigranten aus Polen war der Westen mit den USA an der Spitze nicht nur eine Art Unterschlupf für Aussätzige, sondern auch das Lager der Guten, Anständigen und Aufrichtigen. Und der Kommentar seines Onkels war vernichtend gewesen: »Ich hoffe sehr, dass du nie wieder amerikanischen Boden, auf dem die bestfunktionierende Demokratie der Welt herrscht, betreten wirst!« Arthur war dann an dem Abend, was letztendlich zur Eskalation geführt hatte, derselben Meinung und versprach Stanisław hoch und heilig, dessen gelobte Wahlheimat tatsächlich nie wieder zu besuchen. Es ging um ein Versprechen, das Arthur kein großes Kopfzerbrechen bereitete, zumal er den europäischen Kontinent ohnehin ungern verließ. Er träumte lediglich noch davon ‒ bevor er eines Tages sterben würde ‒, einmal Japan zu sehen, aber wer wollte das in Europa nicht? 
Das Gespräch wäre vielleicht gar nicht weiter eskaliert, doch nach dem dritten Whiskey konnte Arthur nicht mehr schweigen und antwortete seinem Onkel auf das Einreiseverbot für seinen Neffen, dass die USA in der Summe ihrer Taten ein Produkt der Hypokrisie seien: Sie würden Wasser predigen und selber Wein saufen. Er sagte außerdem, die Scheinheiligkeit sei noch kein Verbrechen, diese gebe es auch in Europa zwischen Paris und Moskau, aber unverzeihlich sei die Überzeugung Amerikas, die letzte Bastion der menschlichen Zivilisation zu sein, denn eine Steigerung des materialistischen, eroberungslustigen und machtsüchtigen Denkens könne nur zur Selbstvernichtung führen, zum Krieg. Er könne deshalb die Begeisterung so mancher polnischen Emigranten alten Datums für den Westen und vor allem für die USA nur verabscheuen. Er wusste natürlich, dass er quasi auf die Hand spuckte, aus der er aß, war er doch selbst ein Emigrant und kein Kind mehr aus dem masurischen Wald.
Zum Schluss hatte Arthur leider einen Monolog gehalten: »Im Sozialismus musste man ein Antikommunist sein, wenn man sich damals für einen rechtschaffenen Menschen hielt, und im Kapitalismus ‒ im Westen ‒ gibt es nur einen Weg: Man muss sich rasch mehr oder weniger zu einem Marxisten entwickeln, wenn man nicht völlig auf den Kopf gefallen ist. Und selbst wenn man an Gott oder an UFOs glaubt, muss man im Westen früher oder später Marxist werden, wenigstens im Herzen, denn jede andere Haltung bedeutet eine Korruption der Wahrheit und führt zur Unterstützung des verhassten globalen Bankensystems. Innerhalb weniger Sekunden kann man heute Millionär werden oder alles verlieren. Es gibt auch viele andere Kuriositäten, zumal es andererseits eigentlich fast unmöglich ist, im Westen ein Linker zu sein. Ich habe in Deutschland und in Frankreich solche Frauen und Männer kennengelernt, die man als wohlhabende Marxisten bezeichnen kann. Im Prinzip ist die ganze westliche Linke, die mitregieren darf, weil sie über Parlamentssitze verfügt, genauso privilegiert wie ihre politischen Gegner, und das ist der erste Todesstoß für ihre Lehre der linken Ideologie, dass sie teure Kleider tragen, teure Autos fahren und in den Medien wie Popstars auftreten. Doch sie merken nicht einmal, dass sie eigentlich nur Nutznießer des kapitalistischen Systems sind und von ihm lediglich toleriert werden.«
»Das ist so in einer Demokratie ‒ eine andere Meinung muss man respektieren, aber scheinbar lebst du immer noch in deinem kommunistischen Polen! Und Kinder dieses Regimes lieben Verschwörungstheorien ‒ so wie du …«, hatte Stanisław seinem Neffen erwidert.
Arthur schämte sich jetzt für seine heftige Empörung und empfand nun die lange Rede, die er unter Alkoholeinfluss gehalten hatte, als völlig unnötig, zumal seine anschließende Reaktion schroff und zynisch ausgefallen war: »Ausgerechnet du, Onkel, willst mich belehren? Ein ehemaliger Stalinist sollte lieber seine Klappe halten …« 
Und obwohl dem todkranken Stanisław nur wenige Monate zum Leben verblieben waren, wirkte sein Intellekt immer noch sehr frisch und wach, nur dass er im 20. Jahrhundert feststeckte wie ein Holzsplitter in der Ferse. Er steckte in Zeiten des Kalten Krieges, der Mondlandung und der ewigen Wiederkehr der Dämonen aus Russland fest. Überhaupt sei Russland das größere Problem Amerikas und Westeuropas als der Terror der Islamisten, was, so Arthurs Onkel, der Ukrainekonflikt und die Krimübernahme durch Moskau am besten belegen würden. Denn Russland habe eine Mission und werde immer entweder Christus oder den Kommunismus messianisch manipulieren und instrumentalisieren, um seine Machtansprüche und geistige Überlegenheit gegenüber dem Westen geltend zu machen. Arthur bekam jedes Mal das Kotzen, wenn er solche Sätze hörte.
Stanisław hatte auf den Monolog seines Neffen mehrere kurze Antworten gegeben, die von lästigen Schweige- und Röchelpausen unterbrochen wurden, als würde der alte Mann jeden Moment für immer einschlafen: »Du bist für mich eine einzige Enttäuschung. In der Tat: Ich war jung und bereue meine Entgleisungen, aber dass du meine Fehler wiederholen willst, dazu in dem Alter, da du auf die Fünfzig zugehst, ist mir vollkommen unverständlich! Weißt du, es wäre mir lieber, du würdest an Gott glauben und wärst ein Katholik mit Leib und Seele geworden.« – »Du verstehst mich nicht, du verstehst die Welt nicht mehr …« Der letzte Satz hatte Arthurs Onkel zum Schweigen gebracht, und er selbst hatte beim Abschied geschwiegen.

3. Kapitel
Der Kontinentalflug

N

och kurz vor dem Abflug hatte Arthur seine E-Mails abgerufen, und es waren wie fast jeden Tag ein paar von Malwina, seiner vier Jahre jüngeren Geliebten aus Warschau, dabei gewesen. Ihre Launen wechselten manchmal im Minutentakt, was ihrerseits zu einer Flut an Gedanken, Spekulationen und Zweifeln führte, die allesamt in brieflange E-Mails einflossen, und wenn er Malwina deshalb ärgern wollte, nannte er sie »meine dänische Stewardess« (den schönsten blonden Stewardessen war Arthur nämlich am Flughafen von Kopenhagen auf dem Weg zu einer Konferenz in Moskau begegnet). Nun hatte er mehr als elf Stunden Zeit, um während des Flugs über einiges, was ihm bisher schiefgelaufen zu sein schien, nachzudenken, in der Hoffnung, ein wenig Ordnung in sein zukünftiges Leben zu bringen. Malwina zum Beispiel: Sie warf ihm oft vor, er sei ihr bestimmt untreu, er sei »ein frauenhungriger Hund«, was im Polnischen eindeutiger klang als »ein geiler Bock« im Deutschen. Sie war eifersüchtig, obwohl sie als verheiratete Frau regelmäßig mit ihrem Mann ins Bett ging beziehungsweise gehen musste.
Arthur hatte Malwina, die obendrein genau wie er in Olsztyn geboren worden war und dort einen großen Teil ihrer Kindheit verbracht hatte ‒ wobei ihre gemeinsame Herkunft aus Ermland und Masuren sie sofort zu Komplizen machte ‒, vor fünf Monaten auf einer Konferenz in Heidelberg kennengelernt.
Sie war eine in Polen angesehene Historikerin und beschäftigte sich vor allem mit der Geschichte Deutschlands nach 1945. Sie sprach sehr gut Deutsch und tat an der Uni nur das, worauf sie Lust hatte, und da ihre Arbeiten, Artikel und Bücher sich breiter Anerkennung erfreuten, konnte sie sich mehr Extravaganzen leisten als ihre Kollegen. Ihren Fakultätsleiter behandelte sie als einen ihr untergeordneten Soldaten. Arthur vermutete sogar, dass Malwina noch einen anderen Mann liebte und ihn ab und zu traf, doch er stellte ihr nie irgendwelche Fragen ‒ allerhöchstens nach ihren beiden Töchtern.
Aber all die Ungereimtheiten in Malwinas Leben und Liebe zu ihm störten Arthur nicht, ganz im Gegenteil, er mochte ihr Temperament sehr ‒ ihre Unruhe und ihre Verwirrung um ihr eigenes Gefühlsleben.
Im Prinzip hatte Malwina ja recht. Er war »ein frauenhungriger Hund«. Er suchte jetzt nämlich nach einer Stewardess, die er während des ganzen Flugs beobachten wollte: Er liebte es, seinen Blick wie zur Erholung immer wieder auf die ausgewählte Dame zu richten, und nicht selten war es ihm gelungen, mit der fremden Frau einen intensiven Blickkontakt über den ganzen Flug hinweg herzustellen; er hatte natürlich seine Lieblingslektüre dabei: zwei Werke von Simone Weil, die beiden Titel Schwerkraft und Gnade und Anmerkung zur generellen Abschaffung der politischen Parteien.
Die französische Philosophin jüdischer Herkunft wurde 1909 in Paris geboren und hatte nur vierunddreißig Jahre gelebt; ihr schmales Werk war aber gewaltig: die mystischen Studien und Notizen zum Christentum, die kritischen Arbeiten zum Marxismus und Kapitalismus oder ihr Engagement für die Arbeiter und die Hungrigen ‒ all das war beeindruckend, und im eigentlichen Sinne konnte man sie als die Urmutter der New-Age-Bewegung, der Emanzipation und der 68er-Revolte betrachten. 

* * *

Schließlich fand Arthur seine Stewardess: eine junge Blondine, die bestimmt nicht älter war als dreißig. Sie gefiel ihm, ihr Gesicht besaß für ihn etwas Vulgäres, Pornografisches, was nicht nur mit den slawischen Wangenknochen und den markanten Umrissen ihrer Lippen und Augen zu tun hatte, da war noch etwas Anderes, das er studieren musste. Die Stewardess sprach tatsächlich mit russischem Akzent, sie war schlank und flink und bediente auch die Sitzreihe, in der er saß. Die junge Russin (oder vielleicht eine Ukrainerin) vermittelte ihm zumindest das Gefühl der Sicherheit, dass dieser Flug ohne Zwischenfälle verlaufen würde.
Arthur interessierte sich nicht für seine Sitznachbarn. Das Essen aus den Plastikbeuteln und -behältern war wie üblich scheußlich, Henkersmahlzeit in den hohen dünnen Lüften, so kam es Arthur vor. Und er musste während jedes Fluges auch deshalb an Malwina denken, weil sie ihm einmal ganz nüchtern erklärt hatte, sie habe keine Angst vor dem Fliegen, sie könne jederzeit sterben, sollte es so weit sein, sie sei vorbereitet. Ihr Bekenntnis imponierte ihm. Er war nicht bereit; er würde es nie sein.
Wenigstens beruhigte ihn das vulgäre Gesicht der russischen Stewardess: Nein, dieses Flugzeug würde nicht abstürzen, die Augen der Russin hätten es ihm sonst gesagt. Er versuchte zu schlafen ‒ im besten Fall für eine Stunde ‒, aber es funktionierte nicht. Er las ein paar Seiten aus Schwerkraft und Gnade und dachte über die gelesenen Sätze und über vieles mehr nach.

* * *

Obwohl er Historiker war, begeisterte er sich vor allem für theologische Schriften, in erster Linie für die Gnosis, also für die dunkle Seite des Mondes. Nicht nur, dass niemand Simone Weil las, außer vielleicht ein paar Philosophen und Dichter, es las auch niemand Thomas Merton oder Teilhard de Chardin. Das atheistische Gejammer und die Kritik an der römisch-katholischen Kirche, speziell an der vatikanischen Theologie und am Papst, waren immer groß und heftig, doch keiner der Atheisten, Agnostiker und enttäuschten Christen machte sich die Mühe, Simone Weil zu lesen. Ihre Erneuerung der Transzendenz der Lehre Jesus Christi war nämlich sehr zeitgemäß und brauchte keinen offiziellen Segen der Kirche, der so viel Misstrauen entgegengebracht wurde.
Arthur hatte gleich nach seiner Emigration in den Westen 1984 nach einer Medizin zu suchen begonnen, um seinen durch die Kommunisten und die katholischen Pfarrer vergewaltigten Intellekt zu heilen, und er fand dafür schnell Simone Weil, nachdem er sich intensiv mit modernen Mystikern beschäftigt hatte. Und während seine neuen westdeutschen Freunde in jener Zeit Fritjof Capra, Carlos Castaneda und Noam Chomsky lasen, weil sie an Krebs erkrankt waren oder gegen den Terror der kapitalistischen Konsumgesellschaft eine geistige Waffe brauchten, heilte Arthur seine katholisch-sozialistischen Wunden mit solchen Bonmots aus Schwerkraft und Gnade wie zum Beispiel: »Zwei Kräfte herrschen über das Weltall: Licht und Schwere.«Oder: »Gott ist schwach, weil er unparteiisch ist.«
Arthurs Blicke suchten von Zeit zu Zeit die Stewardess. Sie wollte ihm nicht gehorchen. Jetzt musste er an die zierliche kränkliche Simone Weil denken. Er hätte diesen kleinen zerbrechlichen und tuberkulosekranken Frauenkörper mit Leichtigkeit in seine Arme geschlossen und vor der Welt versteckt und beschützt.
Die Schwerkraft der Erde sei der Tod und die Gnade des Himmels ‒ Jesu Christi ‒ die Erlösung, behauptete Weil, die mehr oder weniger vom Kommunismus zum Katholizismus konvertiert war: Sie hatte sich als Mystikerin nicht einmal dazu überreden lassen, der katholischen Kirche auf dem Papier beizutreten, weil sie die Liebe Christi von den Morden durch die Inquisition, im Namen Gottes also, scharf trennte.
Und trotzdem wusste die kränkliche Philosophin auch, wie wichtig die Sprache der Erde war, die Sprache des Vergänglichen, Sterblichen und Dunklen, die jeden Menschen anzog und beherrschte: Die Schwerkraft hatte Arthur zum Beispiel zum Bestsellerautor gemacht und ihm Malwina geschenkt und seine erste große Liebe Anna, die gebürtige Danzigerin, die ihn zwar verlassen hatte, die er aber nach wie vor liebte und von der er sich noch nicht hatte scheiden lassen.
Arthurs Umzug dauerte schon ein halbes Jahr. Er besuchte seine Exfrau in ihrer alten gemeinsamen Wohnung regelmäßig, weil sein ehemaliges Arbeitszimmer nicht vollständig ausgeräumt worden war. Kein Wunder: Nicht jeder besaß wie er ca. viertausend Bücher.
Ja, er liebte Anna nach wie vor, die blonde Grundschullehrerin, sein masurisches, blauäugiges, langbeiniges Mädchen mit sanfter Stimme, in das er sich in Masuren verliebt hatte, ein Jahr vor seiner Ausreise in die BRD, als sie beide Lyzealisten gewesen waren. Und es war ihm unverständlich, wo die mehr als fünfundzwanzig Jahre ihrer gemeinsamen Ehe geblieben waren – geschweige denn ihre jugendliche Liebe aus den Sommerferien in Masuren der Achtzigerjahre. 
Einen Kontinentalflug fand Arthur immer unerträglich, mochten die Stewardessen noch so nett, die Sitze in der der Economy-Class noch so bequem und die Bemühungen um Sauberkeit noch so intensiv sein ‒ man war für den ganzen Tag ein Gefangener in einer klimatisierten Alubüchse. Und die langen Stunden wollten einfach nicht vergehen. Er hatte nun viel Zeit zum Lesen und Nachdenken: Die mehr als dreihundert Passagiere störten ihn überhaupt nicht, er sah sie gar nicht, nicht einmal seine Sitznachbarn nahm er wahr, von denen er durch eine unsichtbare Wand getrennt war, und er hatte nur Augen für seine Stewardess.
In Frankfurt am Main würde er umsteigen müssen, der Weiterflug nach Bremen bedeutete nicht, dass er endlich zu Hause ankommen würde, eigentlich schlief und arbeitete er dort nur. Es war eigentlich egal, wo er in Deutschland lebte. Jede Stadt war hier für ihn namenlos, da er nur an einem Ort wirklich zu Hause sein konnte, wenn auch bloß in seiner Erinnerung und Imagination: in seiner Geburtsstadt Olsztyn, die früher so geheißen hatte, als wäre sie ein berühmtes Forschungszentrum der modernen Quantenphysik gewesen ‒ Allenstein. »Das All ist ein Stein«, übersetzte er den ostpreußischen Namen für seine Freunde Joseph und Bernhard. Aus dieser Stadt kam immerhin auch der Architekt Erich Mendelsohn, der den sogenannten Einsteinturm in Potsdam entworfen hatte – das Observatorium des Potsdamer Leibniz-Instituts für Astrophysik.

(…)

II. Teil
Gnade ‒ Irmgard

Weißt du es noch, kleines armes Land? Kinderhändchen verbrannten am schnellsten: auf dem riesigen Leichenhaufen, im Gestank des Benzins und Menschenfetts. Es geschah auf dem Marktplatz von Bartenstein an der Alle, und du hast nichts gesagt ‒ zugeschaut hast du bloß wie ein Zaungast. Warum?
 
1. Kapitel
Im Schnee des Schlossgartens

A

ber zunächst ging gar nichts mehr, als wollte auch die Sonne nicht mehr leben: Die Zivilisten starben an Krankheiten, an Hunger, an Erschöpfung, oder sie wurden von den Rotarmisten an die Wand gestellt und erschossen, und Frauen jedweden Alters fanden nirgendwo ein sicheres Versteck.
Anfang Februar 1945 ‒ bei Minus vierzig Grad und unter den wachsamen Maschinengewehren der Rotarmisten ‒ mussten Überlebende aus Bartenstein ein Massengrab füttern, nur wenige Kilometer von ihrem Städtchen entfernt, in einem Dreiseelendorf namens Maxkeim, dem bis dahin niemand Beachtung geschenkt hatte. Und es war kein Ende in Sicht, die Lkws der Roten Armee brachten eine Ladung nach der anderen: Pferde, Schweine, Kühe, Wehrmachtssoldaten und Zivilisten, deren verbrannte schwarze Gesichter schwer voneinander zu unterscheiden waren.
Die Tierkadaver wurden mit Seilen von den Ladeflächen der Lkws direkt in den gewaltigen, von Baggern ausgehobenen Graben gezerrt, Zentimeter für Zentimeter, und die Überlebenden packten mit bloßen Händen die Menschenleichen an ihren Beinen und Armen und warfen sie in das Grab zu den Tieren. Man hatte den Eindruck, all die toten Leiber würden sich ein letztes Mal gegen ihr Schicksal aufbäumen, weil sich ihre Glieder beim Schleppen und Zerren wie von alleine bewegten.
Die Überlebenden, die versuchten, eine Erkennungsmarke vom Hals eines Wehrmachtssoldaten zu reißen, weil sie die Hoffnung nicht aufgaben, ihren Vater oder Bruder doch noch zu finden, bekamen sofort den Gewehrkolben zu spüren: Er traf ihren Kopf, und sie verloren meistens sofort das Bewusstsein und fielen um ‒ in den Graben zu all den toten Tieren und Menschen.     
Danach sprach niemand mehr von dem Massengrab in Maxkeim, weil überall Typhus ausbrach und weil es mit dem Sterben weiterging, und jeder konnte von Glück sprechen, wenn er irgendwo etwas Getreide fand und aus dem Schrot eine Suppe kochen konnte.
Und plötzlich kamen Fremde in Ostpreußen an: Polen, die neuen Siedler, Flüchtlinge aus Litauen oder der Ukraine, und sie kamen zu Fuß oder auf ihren Panjewagen angefahren, die mit gerettetem Hab und Gut schwer beladen waren, doch das Wichtigste war, dass sie Kühe, Schnaps und Speck aus ihrer Heimat mitbrachten. Die Überlebenden staunten über die schäbige ärmliche Kleidung der Fremden, und wenn es sich ergab, stahlen sie ihnen den Speck und die Kartoffeln, weil sie hungerten.

* * *

Mitte Februar hörte man in Bartenstein nur noch selten Schüsse der Maschinengewehre und Kanonen, und die Rotarmisten feierten ihren Sieg über die »Faschisten«, wo und wann sie nur konnten (manchmal auch zusammen mit den neuen Herren des Landes, die sich jedoch nicht allzu wohl in ihrer Haut fühlten, weil die Russen überall das Sagen haben wollten, und wenn ihnen etwas nicht passte, schossen sie auch auf die polnischen Milizionäre – genauso bedenkenlos wie auf die Deutschen).
Dann aber begann auf dem Marktplatz von Bartenstein das lichterlohe Verbrennen von Typhusleichen. Alle arbeitsfähigen deutschen Zivilisten wurden von den Rotarmisten in Aufräumtrupps aufgeteilt, die von morgens bis abends im Einsatz waren. Die Aufräumtrupps brachten die Typhusleichen auf Holzkarren oder in Bettlaken zum Marktplatz zum Verbrennen, und anschließend wurden die meist nur zur Hälfte verkohlten Leiber auf die Lkws geladen und in den Stadtwald gefahren, um dort vergraben zu werden.
Die deutschen Typhusleichen wurden auf dem Marktplatz fast täglich verbrannt, direkt vor dem mittelalterlichen Heilsberger Tor, in dem sich das alte ostpreußische Heimatmuseum befand. Die Sowjets und die polnischen Helfer und Milizionäre suchten trotzdem immer noch nach »Faschisten« und ihren Verstecken, wobei sie mehr an Toten und Vermissten interessiert waren, weil ihrer Meinung nach nur ein toter Nazi ein guter Deutscher war.

* * *

Irmgard ‒ ein blondes blauäugiges Mädchen ‒ war erst neunzehn Jahre alt. Die junge Deutsche, die in Bartenstein, in ihrer Kindheitsstadt, auch zu den Aufräumtrupps gehörte, musste eines Tages staunen: Eine Frau hatte ihr von Immanuel Kant erzählt und gesagt, dass Bartenstein das einzige Städtchen in Ostpreußen sei, das der Philosoph besucht habe. Irmgard, eine Bauern- und Bedienstetentochter, hatte von Immanuel Kant noch nie etwas gehört. Aber nicht nur der Philosoph war ihr unbekannt ‒ von den Verbrechen in den Konzentrationslagern hatte sie in Ostpreußen auch nichts gehört, und eigentlich konnte sie dem ganzen Gerede keinen Glauben schenken: Ihre Landsleute würden doch nie so etwas Schreckliches tun! Wehrlose Kinder und Mütter in den Tod schicken! Juden! Polen! Und überhaupt! Unsere Juden aus Bartenstein sind doch nach Amerika ausgereist! Und der Pole ist unser bester Feld- und Stallarbeiter gewesen!, dachte sie.
Bewacht von den Rotarmisten musste Irmgard zusammen mit anderen jungen Frauen alle Häuser und Wohnungen und Straßen und jeden Winkel des Städtchens aufsuchen und die gefundenen Leichen zum Marktplatz schleppen. Sie war auch bei jenem Einsatz in Maxkeim dabei gewesen, als das große Aufräumen in Bartenstein gerade angefangen hatte, und in dem Massengrab fiel sie einmal in Ohnmacht: Gott sei dank verlor sie das Bewusstsein nur für wenige Sekunden, sonst wäre sie im Graben bestimmt liegen geblieben, da ihr niemand auf die Beine helfen wollte. Bedeckt von den schweren toten Leibern der Tiere und Menschen hätte sie keine Kraft mehr aufbringen können, um sich zu befreien und aus der Grube herauszuklettern. Die Aufräumarbeiten in den Straßen ihres Städtchens schienen ihr deshalb eher harmlos zu sein ‒ im Vergleich zu dem, was sie in Maxkeim gesehen und erlebt hatte.

* * *

Anfang März, nach der Entlassung aus ihrem Arbeitstrupp, fand Irmgard für die nächsten zwei Monate im Keller einer Mietskaserne eine Bleibe ‒ ganz in der Nähe der niedergebrannten Synagoge. Sie wohnte dort mit zwei Müttern und drei Kindern zusammen, die wie sie Deutsche waren, und sie ging jeden Tag in die Stadt, um Neuigkeiten zu erfahren oder etwas zu essen zu ergattern.
Sie hatte nichts zu tun, obwohl alle Deutschen laut des neuen polnischen Gesetzes arbeiten mussten ‒ und Irmgard wurde sogar von einem polnischen Arzt untersucht und für arbeitsfähig erklärt. Aber sie konnte mit ihrem neuen Dokument, mit ihrer Registrierung und ihrem Gesundheitszeugnis nichts anfangen, obwohl sie wusste, dass die kommunistische Regierung mit diesen Papieren ihre Existenz amtlich bestätigt hatte. Immerhin gelang es ihr, ihre Bartensteiner Geburtsurkunde zu retten ‒ sie hatte das Dokument in ihren Rock eingenäht und konnte den Polen erklären, wer sie eigentlich war.
Die Registrierungspapiere halfen jedoch nicht, den täglichen Hunger zu stillen: Irmgard stand eines Tages vor dem Lebensmittelladen von Herrn Paeslack, der eine unerwartete Warenlieferung erhielt, und sie fiel wieder in Ohnmacht, weil sie Schweinefleisch und Wurstwaren schon seit Monaten nicht mehr gesehen hatte. Zum Glück half ihr jemand diesmal auf die Beine, und zum Glück fand sie kurze Zeit später auf der Straße ein Portemonnaie, doch das Geld kam ihr verdächtig vor ‒ die seltsamen ausländischen Scheine, zudem in polnischer Sprache. Konnte man dafür wirklich etwas kaufen? Schließlich ging sie wieder zum Lebensmittelladen und zahlte mit den neuen Geldscheinen und bekam etwas Speck und Schmalz.
Den Marktplatz von Bartenstein hasste Irmgard mittlerweile, obwohl sie auch fröhliche Erinnerungen an diesen Ort hatte: Im dritten Kriegsherbst verabredete sie sich dort einmal mit einem Jungen, der über beide Ohren in sie verliebt war. Und der Schönling kaufte ihr prompt an dem kalten Novembertag bei Herrn Pledath Lederhandschuhe. Dessen Lederwarengeschäft gehörte vor dem Krieg Herrn Teifus, einem Juden, der angeblich nach Amerika ausgewandert war, weil er vom Bürgermeister gewarnt worden sei ‒ wie alle anderen Bartensteiner Juden ‒, dass es im Dritten Reich für ihre Sippen bald keinen Platz mehr geben würde ...
Unsere Juden haben sich nichts vorzuwerfen, dachte Irmgard oft, sie sind alle nach Amerika gegangen, unser Bürgermeister hat sie gerettet!
Der Marktplatz aber ließ Irmgard nicht nur an die Verbrennung der Leichen oder an die Lederhandschuhe von Herrn Pledath (und Herrn Teifus) denken. Hier waren noch vor Kurzem Soldaten mit Fackeln und Hakenkreuzfahnen aufmarschiert; schließlich galt Bartenstein als eine traditionelle Garnisonsstadt. Der Geruch des verbrannten Menschenfleisches war allerdings in den Bartensteiner Straßen und Häusern heimisch geworden; seit den Aufräumarbeiten verließ er die Luft nicht mehr, zumindest nicht dann, wenn Irmgard wieder an die schrecklichen ersten Tage und Wochen nach der Eroberung ihres Geburtsortes im Januar 1945 dachte ‒ in ihrer Nase wohnte dieser Geruch des Todes.
Und sie konnte nicht glauben, dass sie noch am Leben war, dass sie die schwere körperliche Arbeit beim Verbrennen und Begraben der Leichen und beim Aufräumen der Trümmer auf den Straßen überstanden hatte. Diese blutige Knochenarbeit, bei der auch einige Menschen umgekommen waren, würde Irmgard nie vergessen: In ihren Händen hatte sich die Erinnerung an den Schmerz und die Tortur für immer eingenistet.  

* * *

Aber es war schon Mitte Mai und das Leben in der Kälte vorbei: Die Sonne mit ihrer Strahlkraft verschonte noch die zaghaft erwachenden Schrebergärten, die Laubbäume im Stadtwald und die Wildrosen am Fluss, an der Bartensteiner Alle.
Irmgard saß seit zwei Wochen im Gefängnis, sie kam wieder in die Keller der ehemaligen Wehrmachtskaserne, wobei die meisten Gefangenen Frauen jedweden Alters und alte Männer waren. Die junge Deutsche hatte keinen blassen Schimmer, warum sie von den Rotarmisten verhaftet worden war, zumal in den benachbarten Kellern auch Polen gefangen gehalten wurden ‒ von der neuen Miliz.
Irmgard wollte, obwohl sie noch so jung war, eigentlich sterben, und zwar so schnell wie möglich, weil sie sich schuldig fühlte; ihr schlechtes Gewissen ließ sich nicht abstellen, sie war eine Überlebende, ein Glückspilz, denn ihre beiden Schwestern hatte sie in den letzten Tagen des Krieges aus den Augen verloren; niemand wusste, was mit ihnen geschehen war, und genauso verhielt es sich mit ihrem Vater, der angeblich nach Sibirien verschleppt worden war. Er hatte schon als Soldat den Ersten Weltkrieg überlebt, würde er wieder Glück haben? Irmgard war Zeugin, wie man ihn, diesen alten Mann, der in den masurischen Wäldern Panzerfallen hatte ausgraben müssen, für den Abtransport nach Russland abholte. Ihr älterer Bruder war bestimmt auch tot, Deserteure erschoss man auf der Stelle, wenn man sie fasste. Wenigstens hatte er es geschafft, seine Eltern und Geschwister zu warnen, dass »die rote Walze«, wie er sich ausdrückte, bald auch Bartenstein und Gallingen erreichen würde und dass jeder am besten um sein Leben rennen möge. »Haut alle ab!«, schrie er die ganze Zeit. Gleich nach dieser Warnung wollte er wieder zu seiner Einheit zurückzukehren, und niemand wusste, was mit ihm geschehen war.  Wurde er von einem Vorgesetzten hingerichtet? Oder fiel er im Kampf gegen die Rotarmisten?
Manchmal packte Irmgard die allgegenwärtige Angst vor dem Zufall, weil auch sie von einem betrunkenen Soldaten zufällig erschossen werden konnte, und diese Angst wollte an manchen Tagen nicht kleiner werden. »Gott sei Dank spürst du noch etwas«, sagte eine alte Frau, der sie sich im Gefängnis anvertraute hatte, »nur so kannst du einen Überlebenswillen entwickeln: Lass dich von deinem Schmerz nicht besiegen! Du musst nicht sterben wie deine Schwestern!«
Irmgards Städtchen hatte jetzt einen polnischen Namen und einen polnischen Bürgermeister, Herrn Wojciech. Und den neuen Namen auszusprechen, fiel ihr nicht leicht: BARTOSCHÜTZE? Die Schreibweise brachte vor ihren deutschen Augen die Buchstaben zum Tanzen, die Silbe »szy« erschien ihr wie eine Chiffre: »Bartoszyce« musste man jetzt sagen und schreiben. Und eine Sorge plagte sie nicht mehr: dass man sie wieder in eine echte Gefängniszelle der Wehrmachtskaserne bringen würde, wo die Mädchen, aber auch ältere Frauen den Soldaten reihenweise Befriedigung verschaffen mussten. Sie war krank, sie hatte sich mit Typhus angesteckt, sie roch bereits den Tod, den sie auf dem Marktplatz kennengelernt hatte, als der deutsche Leichenberg von Tag zu Tag größer wurde, um schließlich im schwarzen Feuerrauch und bei entsetzlichem Benzingestank langsam abzuschmelzen: auf einen Haufen Knochen und Asche.
Irmgard war davon überzeugt, dass sie den Typhus nicht besiegen würde. Sie musste sterben, weil alle an Typhus starben; fast jeden Tag fielen Häftlinge im Gefängnis tot um wie die Fliegen, und während das neunzehnjährige Mädchen in den Nächten daran dachte, wen es von dem Benzinscheiterhaufen, dem deutschen Leichenberg, persönlich gekannt hatte, erinnerte es sich an den riesigen Apfelbaum im Garten der Gräfin von Nitsche aus Gallingen, einem Dorf bei Bartenstein; im Sommer war es zusammen mit seinen besten Freundinnen auf den Augustapfelbaum geklettert und hatte auf ihm vergnügte Abendstunden mit Gesprächen über die Liebe und die Sehnsucht nach ihr verbracht. Der Gedanke an die sommerliche Ferienzeit in Gallingen, wo Irmgard später Dienstmädchen der Gräfin geworden war und sie im Bedienstetenhaus des Landschlosses gewohnt hatte, rettete jetzt der jungen Frau das Leben, und »Der Baum der Liebe«, wie sie ihn zusammen mit ihren Freundinnen nannte, erschien ihr immer wieder im Traum.
Doch fand sie ihren eigenen Traum grausam: Das Mädchen glaubte nicht mehr an das Gute im Menschen und in der Welt; der Graf von Nitsche zum Beispiel ‒ er war zwar ein glühender Hitler-Verehrer, aber Irmgard verstand nun nicht, warum die Russen den guten Mann ebenso nach Sibirien verschleppen mussten, obendrein in einem primitiven Viehwaggon: Unmenschlich, unmenschlich!, der Graf ist so ein Herzensguter gewesen, dachte sie, er hat niemandem etwas Böses getan, und unsere Juden sind doch alle nach Amerika gegangen, nicht nach Stutthof!
Von dem Konzentrationslager an der Meeresküste, von Stutthof, hatte sie nichts gewusst, und es fiel ihr schwer zu glauben, dass in ihrer Heimat, im Prinzip in der Nachbarschaft, solche Dinge passiert sein sollten: Dinge, von denen die Russen in dem provisorisch errichteten Gefängnis ihnen erzählten.
Irmgard hatte doch nichts getan, sie war bloß jeden Sommer mit ihrer Mutter nach Königsberg zum Einkaufen gefahren, weil es dort die schönsten Sommerkleider von ganz Ostpreußen gab, die schönsten Kleider für Mädchen, und im Winter fuhr sie gern nach Allenstein ins Theater, zusammen mit ihrer Schulklasse. Es war für sie unbegreiflich, dass sie etwas Falsches gemacht haben könnte, etwas Furchtbares, wofür man sie so hart und … unmenschlich bestrafen musste …
Irmgard verabschiedete sich im Gefängnis jeden Tag neu von ihrem Leben, aber ihr Körper wollte noch nicht sterben. Und manche Mithäftlinge, die plötzlich genasen, entließ man sofort, sie seien angeblich in ein am Geserich-See gelegenes Sammellager für Deutsche gebracht worden und von dort aus dann weiter in das besetzte Deutschland. Einige Besserwisser unkten, dass man sie nach Sibirien deportiert habe.
Die junge Frau hatte aber auch gehört, dass viele einfach zu Hause blieben, in ihrer alten ostpreußischen Heimat, sie mussten dann lediglich unterschreiben, dass sie sich zum Polentum bekennen würden. Irmgard konnte kein Wort Polnisch ‒ sie würde allerdings jedes Papier unterschreiben, wenn man sie bloß aus diesem dreckigen Loch entließe: gesund oder ungesund, was spielte das schon für eine Rolle? Die Hauptsache war, dass sie dann wenigstens in Freiheit sterben könnte.
Irmgard fand nicht einmal Kraft, um Nacht für Nacht Tränen zu vergießen, war doch ihre Mutter vor ihren eigenen Augen vergewaltigt und erschossen worden. Musste sie nun unbedingt aus Bartenstein fliehen? Warum war die Mutter nicht zu Hause geblieben? Die Rotarmisten waren doch über das ganze Land wie Kartoffelkäfer über ein saftiges Feld hergefallen. Die junge Frau weinte oft vor Wut auf ihre Mutter, sie machte ihr Vorwürfe und sprach mit ihr ab und zu, als wäre sie gar nicht tot: »Warum bist du nicht in der Stadt geblieben, wo es mehr Schlupfwinkel und Verstecke gibt?«
Und ihre letzte Hoffnung schöpfte Irmgard aus den seltsamen Erzählungen über den polnischen Bürgermeister, den Herrn Wojciech, der sich für die Deutschen sogar persönlich einsetzen würde, um sie vor der Verfolgung oder vor dem sicheren Tod zu retten; aber das sei noch nicht alles ‒ der Gute habe ordentliche Begräbnisse für Irmgards Landsleute angeordnet und sei jedes Mal persönlich auf dem Friedhof erschienen.
Der Bürgermeister ist ein Heiliger wie unser Graf von Nitsche, dachte die junge Frau.
Und dann ‒ völlig unerwartet ‒ besuchte sie im Gefängnis ein polnischer Arzt und verabreichte ihr Medikamente, und es gab wieder regelmäßig Brot und Kartoffeln und manchmal sogar heißen Tee.  

2. Kapitel
»Wiedergewonnene Gebiete«


N

ach vier Monaten Gefängnis erblickte Irmgard wieder das Tageslicht der Straße ‒ abgemagert zwar, aber gesund, mit kahl geschorenem Kopf und entlaust betrat sie Ende August ihr zur Hälfte zerstörtes und zu ihrem Erstaunen von den Trümmern immer noch nicht gänzlich befreites Städtchen, in dem sie zur Schule gegangen war und am Fluss gewohnt hatte, nicht weit entfernt von der alten Mühle und der niedergebrannten Synagoge. Irmgards altes Leben, obwohl sie sich nach wie vor jung und für neue Herausforderungen stark fühlte, war auf den Straßen von Bartoszyce nirgendwo wiederzufinden. Die Sonne und der Himmel kamen ihr so fremd und irgendwie klein vor, als hätte jemand sie beide ausgetauscht, und auch das Licht hatte sich geändert: Die bunten Zeiten schienen vorbei zu sein, die Ladenfenster und selbst die Gesichter ‒ alles war fremd und grau, und nirgendwo gab es etwas Freundliches und Strahlendes.
Ihr Leben hatte sich gewandelt ‒ und Irmgard fühlte sich wie eine reife erfahrene Dame aus einer Großstadt, eine Dame, die nichts mehr zu verlieren hat. Und wo war die alte Irmgard geblieben? Wo musste man sie suchen? Nach dem achtjährigen Schulbesuch in Bartenstein hatte sie dank der Vermittlung durch ihre Mutter bei der Gräfin von Nitsche Arbeit gefunden, und ihr Verlobter, der bei der Marine war, hatte ihr zwei Jahre lang Postkarten und Briefe geschrieben, doch sein U-Boot wurde zum Ende des Krieges versenkt. Irmgards erste große Liebe ertrank zusammen mit anderen jungen verliebten Matrosen. Dabei hatte sich das Liebespaar nach der Verlobung nur zweimal gesehen ‒ im Sommer 1943 bei Irmgards Eltern, als der Matrose in Bartenstein wieder zu Besuch weilte, und dann zu Weihnachten desselben Jahres. Jetzt war sie allein: Das Mädchen, das sich für eine reife Dame aus der Großstadt hielt, wusste nicht, wohin es gehen und was es machen sollte.

* * *

Irmgard beschloss, in die Altstadt zu gehen, zum Marktplatz, um sich dort umzuschauen. Aber bereits nach wenigen Minuten und Schritten in Freiheit geschah etwas Unerwartetes. Ein junger Mann sprach sie auf der Straße auf Deutsch an, er sagte, sie möge sich am besten auf den Weg nach Deutsch Eylau machen, in das Sammellager am Geserich-See; wenn sie sich schriftlich noch nicht zum Polentum bekannt habe, könne sie sogar ausreisen, was aber nicht so einfach sei, sie müsse die Ausreise nach Deutschland beantragen ‒ wie all ihre Landsleute ‒, und dann würde sie mit etwas Glück sogar bis nach Hamburg kommen, wo er noch vor wenigen Monaten gewesen sei, als er sich auf die Suche nach seiner Schwester gemacht habe … 
Das Mädchen nickte freundlich, seine Gedanken waren jedoch wirr und angstdurchtränkt: Woher wusste er, dass sie eine Deutsche war? Sie hatte sich doch ein buntes Tuch um den Kopf gewickelt.
»Wo wohnst du? Oder hast du keine Bleibe?«, fragte der Fremde. »Komm mit, ich habe ein Zimmer in der Altstadt! Du kannst bei mir übernachten …«
Da sie schwieg, stellte sich der junge Mann Irmgard kurz vor, er sagte, er heiße Jan, er sei schon einundzwanzig Jahre alt und er komme ursprünglich aus Lemberg. Er hoffe sehr, bald seine geliebte Schwester zu finden, die laut dem Roten Kreuz den Krieg überlebt habe und sich angeblich in den sogenannten »Wiedergewonnenen Gebieten« Polens, also hier im ehemaligen Ostpreußen, herumtreibe.
Jan erschien Irmgard gar nicht als »ein Engel in Not«, sondern eher als eine gierige Elster; die junge Frau konnte keinem Mann mehr trauen, seit sie bei der Gräfin von Nitsche die Rotarmisten aus allen Ecken des Obstgartens hervorkriechen und über die Frauen des Schlosses herfallen gesehen hatte. Sie ging trotz ihrer Bedenken mit Jan mit: Was sollte sie sonst machen? Sie konnte von Glück sprechen, dass der Typhus sie nicht längst getötet hatte. Oder ein betrunkener Soldat. Mit silbernen Gabeln und Esslöffeln hatte einer der Rotarmisten die Gräfin aus Gallingen im Schnee »operiert«. Sie verblutete in ihrem Obstgarten, der gänzlich mit Schnee bedeckt war – und mit roten Lachen. Und da es an dem Tag schneite, hatte Irmgard den Eindruck gehabt, die Mütter, die Schwestern, die Tanten und die Dienstmädchen hätten Fliegenpilze geboren und im Schlossgarten gepflanzt.
»Ich heiße Irmgard. Ich weiß nicht, wo ich unterkommen soll … Von meinen Leuten sind alle umgebracht oder verschleppt worden!«, sagte sie nach einer Weile. »Und ich bin erst neunzehn …«
»Ich habe dir gesagt, dass ich für dich einen Schlafplatz habe. Und hör auf zu flennen!«
»Die halbe Altstadt liegt doch in Trümmern …«
»Aber unser Haus wurde verschont …«
Irmgard ging neben ihrem Retter her, der sich in Bartenstein ‒ Entschuldigung, wir wohnen jetzt in Bartoschütze, dachte Irmgard immer wieder ‒ gut auskennen musste. Er sah viel älter aus ‒ auf den ersten Blick reifer, erfahrener, und die dunkelbraunen Augen blinzelten nicht freudig; sie verbargen nicht einmal ein arges Geheimnis, sie verrieten, dass sie den Tod besser kannten als das Leben: den Soldatentod an der Front. Und Irmgards Schutzengel begrüßte die neuen Bewohner des Städtchens auf Polnisch und wiederholte andauernd, sie solle bloß schweigen und so tun, als verstünde sie jedes Wort.
»Als erstes besorge ich dir ein Kleid und Schuhe und einen Hut, damit du wenigstens ein bisschen wieder einer Frau ähnelst …«
Er hatte recht: Sie sah abgemagert aus, ihre Augenhöhlen glichen zwei dunklen Gräben, ihre Haut war blass und verriet, dass diese junge Frau eine schlimme Krankheit durchgestanden hatte. Und ihr Körper roch nach Fäulnis und brauchte dringend ein warmes Bad. Irmgards Begleiter hatte auch nicht allzu viel zu bieten, doch wenigstens waren seine abgetragenen Kleider und Schuhe sauber, und er musste regelmäßig essen und schlafen, da er nicht müde oder krank wirkte: Dafür aber trug er in seinen Augen die überall verbreitete Angst, dass man jederzeit erschossen werden konnte.
»Wie kommt es, dass du den Krieg überlebt hast? Warst du nicht bei der Armee?«
»Ich erkläre es dir später, bei mir zu Hause, in meinem Zimmer, unter vier Augen.«

* * *

Sie verließen das Stadtwaldgebiet, das mit ehemaligen Wehrmachtskasernen, Offiziersvillen und Reihenhäusern für Soldaten übersät war, passierten den mit der Kriegsbeute der Sowjets vollgestopften Bahnhofsvorplatz und gingen in die Altstadt, wo es auf dem Marktplatz mehr oder weniger die halbe Welt zu kaufen gab, aber der erste Eindruck täuschte schnell, denn die meisten angebotenen Waren konnte man eigentlich kaum gebrauchen, die alten Teppiche, Möbel, Wandbilder, an denen doch außerdem Blut klebte, weil sie aus den Häusern der Deutschen gerettet oder gestohlen worden waren, wobei es Irmgard nicht klar war, in welcher Währung man zahlte. In Złoty und Dollar? Gesucht wurde vor allem gebrauchte Kleidung, Fahrradreifen, Werkzeug und auf dem Schwarzmarkt Zigaretten, Schnaps und Fleisch. Mit etwas Glück erhandelte man eine Kuh oder ein Schwein, dieser Verkauf sorgte aber oft für einen Eklat, da die Zuchttiere überall begehrt waren, sowohl bei den Neuankömmlingen aus Litauen, Polen und der Ukraine wie auch bei den russischen Soldaten, die alle Lebewesen, auch Menschen, als ihre potenzielle Kriegsbeute betrachteten. Die Sieger schickten junge ostpreußische oder masurische Mädchen zusammen mit den Kühen und Schweinen nach Sibirien, sie bauten selbst Türen und Fenster aus und schickten sie mit den Zügen nach Russland, und sie waren nicht zimperlich dabei. Man hörte auf dem Marktplatz nicht nur Polnisch und Russisch, Irmgard wurde plötzlich lebendig, sie war das erste Mal seit vielen Monaten sogar fröhlich, weil sie sich darüber freute, dass sie ihre Landsleute endlich in Freiheit treffen und auf der Straße sprechen hören konnte, wobei es ihr merkwürdig vorkam, dass niemand sie und andere Bewohner von Bartenstein verhaften oder gar töten wollte ‒ zumindest nicht offiziell und auf dem Marktplatz. Das habe aber nichts zu bedeuten, meinte ihr Begleiter, dem sie ihre Beobachtung mitteilen musste ‒ zu groß war ihre Verwunderung darüber, dass sie wirklich frei war und andere Leute auch.
Noch vor wenigen Monaten hatte es hier in der Altstadt den Scheiterhaufen mit den brennenden Leichen gegeben, der Marktplatz war in ein riesiges Krematorium für Irmgards Landsleute verwandelt worden, und sehr wahrscheinlich hatte sie sich während der Arbeiten hier mit Typhus angesteckt. Die Deutschen sprachen allerdings leise miteinander und waren eingeschüchtert, sobald sie ihre Geschäfte erledigt hatten, verschwanden sie in den dunklen Gassen.
»Freu dich nicht zu früh …«, sagte Jan. »Ich bekomme einmal in der Woche Besuch von einem der neuen Herren dieses Landes. Der eine Mann heißt Stanisław und ist ein Kommunist und Jungmilizionär mit einer weiß-roten Armbinde: Er besucht mich gerne ... Ich muss aber aufpassen und jedes Wort abwägen: Wenn sie nichts finden, denken sie sich eine Geschichte aus. Schuld ist eine schwierige Angelegenheit. Sie lässt sich so auslegen, wie es einem gerade passt.«
»Was wollen sie von dir?«
»Das erkläre ich dir ein andermal …«

* * *

Zum Glück konnten sie die Gasse, in der sich Irmgards Elternhaus befand, nicht passieren, da sie von Militärfahrzeugen blockiert war. Irmgard wollte sich so oder so den Anblick ihres zerstörten oder besetzten Domizils ersparen. Sie war also nicht traurig und enttäuscht ‒ diese Vergangenheit zählte für sie nichts mehr.
Jan wohnte im Hinterhof einer Mietskaserne, die den Angriff der Sowjets überstanden hatte und die in der Nachbarschaft des mittelalterlichen Stadttors stand, dem sogenannten Heilsberger Tor, das ebenso verschont geblieben war. Sie verließen nun den Marktplatz und gingen endlich zu ihm. Es war ein früher Abend, die Sonne strahlte sommerlich, als wäre in Bartenstein und woanders kein Unglück geschehen, kein Blut geflossen, und Irmgard spürte wieder die Müdigkeit der letzten Monate, die auf einmal mit aller Kraft zurückkehrte; der jungen Frau fielen beim Gehen die Augenlider wie von allein zu, selbst dann, als sie das kleine, saubere und im dritten Stockwerk gelegene Zimmer mit den drei Betten, dem Paravent, dem kleinen Herdofen und der Waschecke zu Gesicht bekam. Allerdings musste Irmgard feststellen, dass Jan sich die Wohnung mit einem Fremden teilte, wobei man von einer eigenständigen Wohnung gar nicht sprechen durfte, zumal es auf jeder Etage eine Gemeinschaftstoilette gab. Er erklärte geheimnisvoll, manchmal übernachte bei ihm ein älterer Herr, der sich gänzlich in Schwarz kleide, eine Baskenmütze trage und auffallend wortkarg sei.
»Du wirst es bei mir gut haben, und ich stelle dir vor deinem Bett den Paravent auf, damit du dich in Ruhe ausziehen kannst. Hab keine Angst! Außerdem kannst du bei mir arbeiten. Ich erkläre dir alles später!«
»Warum willst du mir helfen?«
»Ich weiß es nicht! Weil du mir gefällst? Vielleicht nur deshalb«, antwortete er. »Du sahst auf der Straße so hilflos und bedürftig aus. Ich musste an die täglichen Verschleppungen nach Sibirien denken und konnte den Gedanken, man würde auch diese junge Frau nach Russland bringen, nicht ertragen.«
»Es kann immer noch geschehen.«
»Die Russen ziehen sich langsam zurück, und die Kommandantur in Olsztyn wurde schon mehrmals darauf hingewiesen, dass ihre Jungs ‒ meist Deserteure oder Soldaten, die Landstreicher geworden sind ‒ in ganz Ermland und Masuren rauben, vergewaltigen und morden. Die Kommandantur sagt, sie tue ihr Bestes!«
»Es sind Mörder. Ich glaube ihnen kein Wort. «
»Ich auch nicht, aber ich habe sie auch schon einmal angelogen, die neuen Machthaber!«
»Ich muss mich jetzt hinlegen, mir ist schwindlig, Sie erzählen es mir ein anderes Mal, warum Sie lügen mussten: Entschuldige ‒ du wirst mir alles später erzählen«, sagte die junge Frau und ließ sich, ohne die Antwort ihres Gastgebers abzuwarten, auf eines der drei Betten fallen. Ihre Augenlider klappten müde zu, und sie dachte an die langen Sommerferien am Lautern-See und im Schloss der Gräfin von Nitsche. Und sie vermisste jetzt den Geruch der ersten warmen Frühlingstage und den Anblick der blühenden Leberblümchen und Windröschen. Sie vermisste den im Juli stets schon warmen See und den Geruch der Fichten und Kiefern. Sie schlief ein, und sie schlief das erste Mal seit dem Einmarsch der Russen im Januar in Ruhe, als wäre sie wieder ein kleines Mädchen und als hätte es den Krieg nicht gegeben, die Besuche in Danzig auch nicht, bei denen sie unbedingt Hitler einmal sehen wollte, obwohl er doch fast die Hälfte des Krieges ganz in ihrer Nähe verbracht hatte: in seiner masurischen Wolfsschanze bei Rastenburg.

(…)
© weissbooks.w, Frankfurt am Main 2017

 

zurück