Als ich ein Kind war und in meinem polnisch-masurischen Städtchen Bartoszyce zur Schule ging, konnte ich nie verstehen, warum der Zweite Weltkrieg im Westen am 8. Mai zu Ende gegangen war und im Herrschaftsgebiet des Warschauer Paktes erst am 9. Mai. Meine damalige kindliche Verwirrung scheint mir heute symbolisch zu sein, denn viele Polen begriffen in der äußerst schwierigen Nachkriegszeit die Befreiung ihrer Heimat durch die Rotarmisten als eine heimliche und erneute Besetzung: diesmal durch Stalins Schergen.
Im Grunde genommen kann man vom doppelten Scheitern des Warschauer Aufstandes vom 1. August 1944 sprechen, dessen moralisch-metaphysische Symbolik im Übrigen einem Deutschen bis heute oft nicht klar ist. Man sollte den Deutschen keinen Vorwurf daraus machen, dass sie ihre Nachbarn im Osten nicht in allen Belangen, welche die Psychologie und Mentalität einer Nation betreffen, verstehen können. Es ist ein langer Weg zu einer beide Seiten zufriedenstellenden und gegenseitigen Verständigung, auch noch 65 Jahre danach!
Vor allem die jungen Soldaten der Armia Krajowa, der Landesarmee, wollten im Warschauer Aufstand ein Zeichen setzen und den Nazis sagen, dass sie als Okkupanten nur militärisch und technisch überlegener seien, aber nicht mo-ralisch. Cyprian Sadowski, der unvergessliche Onkel in der Familie meiner Frau, der im Warschauer Aufstand als Arzt für die Organisation der Sanitätsversorgung zuständig gewesen war, wurde kurz vor Ausbruch des Aufstandes von einem Wehrmachtsoffizier gewarnt: Ein Aufstand sei vollkommen sinnlos, es werde unnötig Blut fließen und alle Aufständischen würden getötet werden.
Der geistige, kulturgeschichtliche und intellektuelle Verlust, der nach dem Ende des Aufstandes sichtbar wurde, war gigantisch. Solche Verluste lassen sich nicht wiedergutmachen. Da muss man von vorne anfangen. Nur deshalb habe ich, als ich 2009 in München den Adelbert-von-Chamisso-Preis entgegennahm, in meiner spontanen Dankensrede an Krzysztof-Kamil Baczynski erinnert, den jungen polnischen Dichter, der als AK-Soldat in Warschau gefallen war. Ein Ausnahmetalent war brutal zerstört worden.
Das heutige moderne Polen ist nicht dieses Land, das uns vor allem seit dem Jahre 2005, als die rechtskonservative Partei PiS, Recht und Gerechtigkeit, an die Macht kam, von den Medien oft nur aus der Perspektive der deutsch-polnischen Missverständnisse gezeigt worden ist.
Nach 1989 hat meine Heimat eine ehrgeizige Aufholjagd begonnen, die man durchaus als sehr positiv betrachten kann, zumal viele ehemalige DDR-Bürger die Polen um ihre eigenständig durchgeführte Wende »Transformacja« beneiden, teilweise zu Recht. Die Volksrepublik Polen hat 1989 nicht bloß eine politische und wirtschaftliche Struktur aus dem Westen übernommen, diese Sozialistische Republik hat sich in die Hände ihrer Bürger begeben, die spätestens seit dem Runden Tisch 1988 sehr wohl wussten, was eine Offene Gesellschaft, wie sie zum Beispiel Karl Popper definiert, ist. Und das Ergebnis dieser zwanzigjährigen Transformation ist wirklich beachtlich.
Nach der Smolensk-Katastrophe am 10. April hat die Offene Gesellschaft ihre Reife bewiesen: Nicht nur Intellektuelle, Schriftsteller, Philosophen, Soziologen, Regisseure, Schauspieler, Naturwissenschaftler und Gewerkschaftler warnten vor dem unnötigen, der nationalen Tragödie von Smolensk nicht angemessenen Pathos, vor der Hysterie, welche die Trauer um die beim Flugzeugabsturz umgekommenen hochrangigen öffentlichen Persönlichkeiten begleitete– ein großer Teil der polnischen Bevölkerung wehrte sich vor einer exaltierten, von einer Verschwörung gegen die Nation an der Weichsel aufgeheizten Trauer und war gegen die Beisetzung des Präsidentenpaares auf der Wawel-Burg.
Ein Schriftsteller schrieb in der Gazeta Wyborcza, man dürfe um Gottes willen die polnische Romantik und damit auch den polnischen Messianismus nicht instrumentalisieren. Zumindest wunderte sich so mancher Pole, wenn man ihm, im Ausland und insbesondere in Deutschland gutgemeint zu verstehen geben wollte, dass seine Heimat in Europa unter dem Opfersyndrom nicht mehr leiden und als ein erwachsenes Mitglied der west- und mitteleuropäischen Gemeinschaft betrachtet werden müsse.
Der aufklärerisch-protestantische und dadurch pädagogische Impetus der Deutschen hat Anfang der neunziger Jahre zwischen Polen und Deutschen zu vielen heißen Diskussionen und Verstimmungen geführt, da man in meinem Land das Gefühl hatte, die Westdeutschen würden nun als Lehrer auftreten und den Polen beim Demokratisierungsprozess zu viele Ratschläge erteilen. Mein Schwiegervater, ein 72-jähriger Diplomingenieur der Holztechnologe und Hochschullehrer aus Posen, sagt, dass jede gute Tat bestraft werden müsse und dass schon die Kommunisten versucht hätten, andere glücklich zu machen, womit sie aber als unbelehrbare Missionare speziell in Polen gescheitert seien.
Heute werden, und das sollten sich die Deutschen, die sich zu den Vertriebenen und von der Geschichte Verratenen zählen, zu Herzen nehmen, zu Allerseelen und Allerheiligen auf deutschen Soldatengräbern Kerzen angezündet– nicht immer und überall in Polen, doch immer öfter.
Das gleiche Phänomen wird man wohl auf den russischen Soldatenfriedhöfen bald beobachten können, denn es gibt Aufrufe, nicht nur von Prominenten, die gefallenen jungen Männer der Roten Armee, die für die Freiheit Polens gekämpft haben, nicht mehr als Okkupanten anzusehen, die die Nazis ersetzt hätten, sondern als Opfer des Stalinismus. Vandalen, welche die Denkmäler für gefallene Rotarmisten beschmieren, gibt es natürlich in jeder Nation, doch den Russen muss es durch die Smolensk-Katastrophe klar geworden sein, dass der Wille zur Versöhnung bei den Polen ernst gemeint ist, sehr ernst.
Am 9. Mai wird man nun in Moskau den Sieg über Nazi-Deutschland wie immer pompös und bombastisch feiern. Das 65. Jubiläum zum Ende des Zweiten Weltkriegs steht unter besonderer Beobachtung: Polnische Soldaten werden mit ihren Kameraden aus Russland bei der festlichen Siegesparade in Moskau mitmarschieren. Das ist ein historisches Ereignis.
Und selbst General Wojciech Jaruzelski wird an den Feierlichkeiten teilnehmen, der derzeitige Marschall des Sejm Bronislaw Komorowski hat gegen die Teilnahme des umstrittenen Generals keine Einwendungen, denn schließlich akzeptiert der Marschall aus Respekt vor der ehemaligen Regierung die Entscheidung des tödlich verunglückten Präsidenten Lech Kaczynski, der Jaruzelski zu den Feiern in Moskau hatte mitnehmen wollen.
Und was werden die Deutschen tun? Sie werden mit diesem feierlichen Doppeldatum ihrer eigenen tragischen Geschichte des 20. Jahrhunderts– dem 8. und 9. Mai– nicht allein da stehen. Sie müssen sich auch nicht vor den Fernseher setzen, um sich die Siegesparade in Moskau anzusehen. Sie können nach Warschau fahren und auf dem Grab von Baczynski und auf anderen Soldatengräbern auf dem berühmten Powazki-Friedhof eine Kerze anzünden, wie es die Polen mittlerweile auch tun: für die deutschen Opfer und deutschen Soldaten. Vor allen Dingen müssen aber meine verehrten deutschen Landsleute und Gastgeber begreifen, dass sie von vielen Polen nicht mehr ständig durch die historische Brille des tragischen 20. Jahrhunderts gesehen werden.
In meinem Land gibt es nicht nur nostalgische und machtgierige Panjewagenführer, die zu Hause Abend für Abend vor einem Altar niederknien, auf dem eine Flasche Wodka, das Bild der Schwarzen Madonna von Tschenstochau und das Kreuz stehen– an der Wand der Ulanensäbel und zur Linken die Feinde aus Deutschland und zur Rechten die aus Russland: Solche Nationalisten haben an der Weichsel schlechte Karten, und auch die Nostalgiker, die aus den durch die Jalta-Beschlüsse verlorenen Gebieten in der Westukraine und in Litauen verlorene, sakrale Paradiese des polnischen Nationalbewusstseins machen wollen, werden seit langem kritisch beobachtet. Polen ist nicht nur ein Land mit starken romantisch-messianischen Traditionen, die eben bei der Emanzipation des polnischen Volkes während der drei Teilungen eine große Rolle gespielt haben.
Meine Heimat feiert auch den 3. Mai– den Tag der Verfassung, der Konstytucja. Am 3. Mai 1791 hat im Warschauer Schloss die Aufklärung einen Sieg errungen: Es war immerhin die erste moderne Verfassung Europas. Aber das ist ein anderes Thema.