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Der Heimat-Verdichter

80 JAHRE GÜNTER GRASS Danzig dankt und denkt:
Der deutsch-polnische Schriftsteller Artur Becker gratuliert seinem Kollegen

Von Artur Becker

Meine Mutter hat in den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts in Gdansk, wo unsere Verwandtschaft lebte, ein fünfjähriges Fernstudium der polnischen Philologie absolviert. Wir wohnten in dem benachbarten und von Gott und der Politik zum ewigen Vergessen verurteilten Warmia, im ostpreußischen Ermland, und meine Mutter brachte mir von ihren Danziger Studiums- und Prüfungsreisen des Öfteren exotische Geschenke mit - Bananen, die in der Volksrepublik Polen wohl nur an der baltischen Küste erhältlich gewesen waren, Jeanshosen, Schallplatten und von der Regierung verbotene Flugblätter und Broschüren des berühmten KOR (Komitee zur Verteidigung der Arbeiter), gegründet unter anderem durch Jacek Kuron und Adam Michnik, deren Diskussionen und Vorträgen meine Mutter auf inoffiziellen Versammlungen einige Male gelauscht hatte.
Zu den Mitbringseln aus Gdansk gehörten dann auch später die ersten Zeitungen und Broschüren, die die unabhängige Gewerkschaft Solidarnosc regelmäßig veröffentlichte. Ich kann mich auch daran erinnern, dass die erste greifbare Übersetzung der »Blechtrommel« 1979 in den Solidarnosc-Kreisen kursierte, dürftig herausgegeben, von Danzigern aber sehr begehrt – man wollte schließlich erfahren, was dieser deutsch-polnische »Kaschube« geschrieben haben mochte. »Ist das unsere Stadt?«, lautete die Frage, die vielen Danzigern nach der Lektüre der »Blechtrommel« schlaflose Nächte bereitete, denn sie waren in den meisten Fällen Zugereiste – Menschen, die nach den Beschlüssen von Jalta ihre Heimaten in Litauen und Galizien hatten verlassen müssen, um in Gdansk, in den »wiedergewonnenen Gebieten«, ein neues Leben anzufangen.

Die Lektüre der »Blechtrommel« stillte ihre Sehnsucht nach Heimat, befriedigte ihre Jahrzehnte dauernde Neugier darauf, wer wohl vor 1945 in ihren Wohnungen und Straßen gelebt haben mochte, und diese Reise in die deutsche Vergangenheit ihrer Stadt half ihnen, die bösen Geister zu vertreiben und zu begreifen, dass sie keine Diebe und nicht für alle Ewigkeit dazu verdammt worden waren, an einem gespenstischen Ort zu leben, an dem jemand gerade mal vor zwei Minuten heißes Wasser für den Frühstückskaffee aufgesetzt hatte, um plötzlich auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden.
Die erste Veröffentlichung der »Blechtrommel«, der quasi eine offizielle erst 1983 folgte, war enorm bedeutungsvoll: Seit einem Jahr war ein Pole der neue Papst, im August 1980 unterschrieben die Danziger Werftarbeiter ihren hart erkämpften Einigungsvertrag mit der Regierung, die unabhängige Gewerkschaft Solidarnosc wurde offiziell anerkannt, und im selben Jahr bekam der polnische Emigrant Czeslaw Milosz den Nobelpreis für seine Dichtung. Für das kommunistische Regime zog sich die Schlinge immer enger zu, und man sollte durchaus die Bedenken seiner Zensoren ernst nehmen, die die Veröffentlichung der »Blechtrommel« verhindern wollten: Bücher, die ein Volk dazu anstacheln, subversiv zu denken, das deutsch-polnische Verhältnis selbstkritisch zu beäugen, waren damals gefährliche Pillen, die natürlich niemand schlucken sollte. Bereits in den Sechzigern aber durfte die Novelle »Katz und Maus« den polnischen Leser erreichen, was ebenfalls von großer Bedeutung war.
Man las die Novelle von Grass auf Polnisch und staunte: Westerplatte ist gefallen, der Feind besiegt, und in der Danziger Bucht begibt sich Joachim Mahlke auf die Suche nach polnischen Spuren - er findet drei erbeutete und vom Kampf nur wenig gezeichnete Boote der feindlichen Flotte. Er findet, was er sucht, und wird ein stolzer Besitzer eines Messingschildchens mit dem eingravierten Schiffsnamen »Rybitwa« (Seeschwalbe). Mahlke muss natürlich in seinem Bemühen um die Bewahrung der Erinnerung an die polnischen Nachbarn scheitern: Er wird alsbald zum Gespött seiner von der nazistischen Ideologie vergifteten Umgebung. Für den damaligen polnischen Leser aber, und wir reden hier von Zeiten des Kalten Krieges, war dieses Scheitern Mahlkes ein Gewinn: Endlich konnte ein Pole einem Deutschen verzeihen und sogar aus den Fehlern seines Erzfeindes brauchbare Schlüsse ziehen – Schlüsse, die ein wenig halfen, den Schmerz nach all den Gräueltaten der Nazis zu lindern.

Der deutsche Selbstfindungsprozess, den Günter Grass nach dem Zweiten Weltkrieg in schonungsloser Weise zunächst einmal nur für seine eigenen Landsleute beschleunigt und erleichtert hatte, ist immer noch nicht abgeschlossen, doch ohne das literarische Werk von Grass wäre es auch für die Polen viel schwieriger geworden, ihrem latenten Bedürfnis nach einer kritischen Betrachtung der eigenen Geschichte gerecht zu werden. Nach den landesweiten Arbeiterstreiks der Achtzigerjahre hatten sie selbst damit begonnen, Tabus zu brechen und deutsche Spuren in Danzig, Stettin und Breslau zu entdecken und in belletristischen Büchern zu katalogisieren. Joachim Mahlke bekam plötzlich Enkelkinder, die aber Polnisch sprachen und fragten, warum die in der Küchenvitrine stehenden Zucker- und Kaffeedosen in Deutsch beschriftet waren. Man spricht heute nicht ohne Stolz von der Danziger Schule, von den Literaturen der kleinen Heimaten. Der Danziger Pawel Huelle schickte als Erster in seinem Roman »Weiser Dawidek« von 1987 einen Helden auf die ungewisse Entdeckungsreise in die deutsche Vergangenheit, seinem Dawidek folgten viele andere Roman- und Erzählungsfiguren.
Huelles Kollege und Landsmann Stefan Chwin ging sogar so weit, dass er sich in seinem Roman »Tod in Danzig« aus dem Jahre 1995 die Perspektive der deutschen, vor der Roten Armee fliehenden Bevölkerung anhängte und somit Günter Grass in Erinnerung rief, dass er bei seinen Lesern noch eine Schuld zu begleichen hätte - nämlich über den 30. Januar 1945 zu schreiben, als die Wilhelm Gustloff unterging. Nun hat ja die Stadt Danzig letzte Woche eine prächtige Feier für ihren berühmten Ehrenbürger zu seinem 80. Geburtstag organisiert. Zu Ehren des deutschen Nobelpreisträgers wurde unter anderem die »Blechtrommel« auf der Bühne des Teatr Wybrzeze unter der Regiearbeit von Adam Nalepa aufgeführt, und es war eine Weltpremiere gewesen, denn Oskar Matzerath hatte bis dato auf einer Theaterbühne noch nie gestanden. Günter Grass kommt gern nach Danzig, weil er dort von seinen polnischen Lesern, Verwandten, Freunden und Kollegen immer mit großer Herzlichkeit empfangen wird. Diese herzlichen Empfänge sind in der Stadt seiner Kindheit für Grass sehr wichtig – zu viel Hass und Missgunst schlägt ihm doch in manchen deutschen Gefilden entgegen, vor allem seit seinem überraschenden Geständnis, er sei siebzehnjährig in die Waffen-SS eingegliedert worden. Lech Walesa und die meisten Danziger haben Grass verziehen, und in der Person des Danziger Oberbürgermeisters Pawel Adamowicz hat er einen treuen Verbündeten, der den Nobelpreisträger bis jetzt eindrucksvoll vor den Attacken der rechtskonservativen PiS (Recht und Gerechtigkeit) mit ihrem Leader Kazimierz Koralewski an der Parteispitze hatte verteidigen können.
Die Danziger nehmen all diese politisch-moralischen Reibereien um ihren umstrittenen Ehrenbürger eher gelassen, leben sie doch in der Hochburg der bürgerlich-liberalen Partei PO (Bürgerplattform), deren Chef Donald Tusk, ebenfalls ein Sohn Danzigs, immerhin ein Gewinner der herbstlichen, bald stattfindenden Neuwahlen werden könnte. Tusks Chancen stehen gut, und den Vorwurf der Rechtskonservativen, sein Großvater sei ein Verräter, weil er als Wehrmachtssoldat auf der Seite der Nazis gekämpft habe, betrachten die PO-Anhänger als einen verzweifelten Versuch seitens der PiS, Wählerstimmen zu ergattern.

Die Danziger haben einen wichtigeren Grund dafür, gelassen zu sein: Sie wissen, dass man eigene Kinder lieben und ihnen jeden Fehler verzeihen muss, mag dieser Fehler auch so entsetzlich schrecklich sein, dass sich einem ein Messer in der Hosentasche öffnet, um Rache zu üben – an seinem eigenen Kind. Die Danziger haben scheinbar aus dem Zwiebelbuch von Grass andere Schlüsse gezogen als manche deutsche Zeitgenossen: Wer eine umfangreiche Beichte vorlegt, im Bernstein eingeschlossene Insekten ins Rennen schickt, will Frieden finden, und das weiß man in meinem Land zu schätzen, auch wenn der Beichtende der Schöpfung einen göttlichen Ursprung abspricht (ob Günter Grass wirklich ein Atheist ist, will ich lieber hier nicht bestätigen).
Für mich als Polen, obwohl ich ein deutschsprachiger Schriftsteller bin und mein Vater bei meiner Erzeugung ostpreußische Gene beigesteuert hat, stellt sich folgende Frage: Wie kann jemand, der im Glashaus sitzt, mit Steinen werfen? All die deutschen Kritiker und Richter, die Grass nach seinem Waffen-SS-Geständnis angegriffen haben, denken nicht daran – aus mir völlig schleierhaften Gründen -, dass ihren eigenen Verwandten, Freunden und Bekannten – Großeltern und Urgroßeltern – Ähnliches widerfahren war, was ihnen an Grass so missfällt: Auch ihre eigenen Erzeuger waren Mitläufer des Dritten Reiches gewesen, zumindest in den meisten Fällen, und wie viele von ihnen haben eine Beichte abgelegt, wie es Günter Grass im Grunde genommen in seinem ganzen literarischen Werk getan hatte, vor allem auch im Namen der Erzeuger seiner Kritiker und Richter? Wie viele?
Ich lebe seit 1985 in Deutschland als ein polnisch-ostpreußischer Emigrant und Bernstein, als ein merkwürdiges Insekt der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, doch offenbar werde ich nie verstehen, warum manche Deutsche immer noch einander an den Kragen gehen, warum sie einander nicht vergeben können. Diese Selbstzerstörung ist mir ein großes Rätsel. Ich hoffe, dass ich daraus etwas lernen kann – sonst Gnade mir Gott!
Denn, und man mag meine sozialistisch-katholische Kindheit verschiedentlich beurteilen, eines muss ich unmissverständlich sagen: Ich weiß, was ideologische Flirts mit einem Regime bedeuten – sie verführen sogar die klügsten Köpfe. Wer jedoch nie auf Irrwege geraten ist und nie eine Beichte abgelegt hat, vor wem auch immer, soll bitte jetzt aufstehen, auf die Straße gehen und seine Heiligsprechung beantragen – bei wem auch immer.

Rheinischer Merkur Nr. 41, · 11. Oktober 2007

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