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Wie verkauft man die Bibel?

Die Zukunft ist violett

Von fliegenden Kalmücken, Daumencomputern und kommenden Zeitaltern. Der polnische Autor Dariusz Muszer wirft einen Blick auf Gottes Homepage

Von Artur Becker

Es gibt Romane, die sind so verrückt, dass man sie bald nicht mehr weiterlesen mag oder regelrecht verschlingen muss. Dariusz Muszers neuer Romangehört zu der zweiten Sorte. Er spielt im 88. Jahr des Violetts in einer Zukunft, in der es nach zwei globalen Kriegen um die Luft die uns heute bekannten Nationen und Sprachen nicht mehr gibt.
Der Ich-Erzähler Gospodin Gepin bekommt in Südnorwegen eine Erzählerwohnung und von der Regierung die Aufgabe gestellt, seine Memoiren zu schreiben. Er, ein Wetterprophet, und seine Frau Freyja, eine Steuergehilfin, sind beide fast 130 Jahre alt und haben schon mehrmals eine Rundumerneuerung ihrer Körper durchführen lassen. Ihre Liebesgeschichte ist zutiefst tragisch: Gepins Frau ist nur eine virtuelle und erträumte Figur, denn sie ist während des zweiten Krieges um die Luft in einem Konzentrationslager umgekommen. Der Held begegnet uns nicht wie in den vorherigen Romanen Muszers als Schelm, sondern als unscheinbarer Durchschnittsbürger, und er weiß, dass er in Situationen, wo es ums blanke Überleben geht, für seine Mitmenschen gefährlich werden kann. Gepin entwickelt sich während der beiden Kriege um die Luft zu einem Guerillakämpfer, der dem Feind gegenüber keine Gnade kennt. Seine Feinde richtet er regelrecht hin, vor allem in der postapokalyptischen Nachkriegszeit, in der es von Räuberbanden, moralisch Verwahrlosten und Irren nur so wimmelt.
Gepins psychische Schwächen machen ihn zum literarischen Antihelden und Antischelm. Er hat gemordet, geplündert und seine Frau abgöttisch geliebt, wie viele Soldaten des 20. Jahrhunderts, die aus Vietnam oder Afghanistanpsychisch gebrochen nach Hause zurückkehrten. Kann man ihn deshalb als Kriegsverbrecher bezeichnen? Das ist eine schwierige Frage.
In der Welt, in der er leben muss, sind die »Schöne Neue Welt« Aldous L. Huxleys oder der Wahnsinn des Klonens aus Michel Houellebecqs »Die Möglichkeit einer Insel« zu einer traurigen Normalität geworden: Liebe und Wahrheit gibt es nicht mehr, und die Geklonten oder die virtuellen Roboterbetrachten den Menschen als eine Fehlkonstruktion der Schöpfung.
Alles, was sich über die Menschheit und ihre Zivilisation berichten lässt, kann man auf der Homepage Gottesnachlesen, die Gospodin Gepin im Alter von 44 Jahren zum ersten Mal zu sehen bekommt. Er vergleicht sich nicht ohne Ironie mit dem unsterblichen Vogel Phönix, dessen kabbalistische Zahl eben 44 lautet, und hier zeichnet sich schon ab, sehr leise und ein wenig banal, wohin dieser Roman philosophisch führen will, nämlich zum Motiv der Wiedergeburt: Dieses durchzieht den ganzen Roman.
Geklonte und Normale, also Überlebende der beiden Kriege um die Luft, sind, um weiterleben zu können, auf ständige medizinische Körpererneuerung angewiesen. Trinken sie den «Blausaft«, bleiben sie ewig jung und müssen nicht sterben: Nur eine Gewalttat oder ein tragischer Unfall kann ihr irdisches Leben beenden.
Gospodin Gepin und Freyja gehören zu den »echten« Menschen, die noch den Tod kennen – im Gegensatz zu den Geklonten und Virtuellen. Vielleicht fällt gerade deshalb am Ende des Buches Gospodin Gepins Entscheidung, keine Rundumerneuerung mehr durchführen zu lassen, als ein verzweifelter Protest gegen die künstliche Hightech-Welt von morgen aus.

Auf »Gottes Homepage« kann man alles und gleichzeitig nichts erfahren, denn dieI nformationen sind ebenfalls in ständigem Wandel begriffen. Die Parodie auf das Internet wird bei Muszer auf die Spitze getrieben. Glücklich ist derjenige,der wie Gepin und seine Frau Freyja einen Daumencomputer der ersten Generation besitzt und dadurch der absoluten Kontrolle durch die »Niebieskis«, die Himmelblauen, die vom Weltall aus den Planeten Erde regieren, in einigen Bereichen des täglichen Lebensentgehen kann.

Der Leser erfährt die komplizierte Lebensgeschichte seiner Eltern, der polnischen Mutter und des Vaters, eines Kalmücken. Muszer schildert eine absurde ostwestliche Odyssee, die Gepinals kleines Kind und als junger Mann zusammen mit seiner Mutter durchmacht. Die Eltern, Natalia Filipowna Gepin und Ruslan Ludminski, nicht gerade unbekannt, sind, zumindest rein symbolisch und von der Mentalitätsgeschichte her, in ihren Charakterzügen mit vielen osteuropäischen Mythen und Stereotypen ausgestattet. Da wird eine ganze Generation entsorgt, der sozialistische Geist und die kommunistische Ästhetik, sofern man in diesem Fall überhaupt von einer Ästhetiksprechen kann; vor allem aber wird mit der marxistischen Ideologie und der Verstandesdominanz der sozialistischen Gesellschaft abgerechnet.
Gepins Vater, der fliegende Kalmücke, ist der erste Vierte Kosmonaut, der von den Sowjets noch vor Gagarin in den Weltraum geschickt wurde, aus dem er aufgrund eines technischen Fehlers zur Erde nicht mehr zurückkehrte. Seitdem kreist er mit seinem Raumfahrzeug wie ein Satellit um die Erde und beobachtet, was die Menschheit und sein Sohn auf der Erde treiben– manchmal steht er sogar seinem Sohn in aussichtslosen Situationen mit guten Ratschlägen zur Seite.
Dariusz Muszer hat die Kommunisten ins All verbannt, damit sie dem Mond und den zahlreichen Erdsatelliten Gesellschaft leisten. Rein ideengeschichtlich gesehen ein feiner sarkastischer Zug, könnte man meinen, denn schließlich wollte ja der Kommunismus die paradiesische Harmonie erreichen, in der es keine unglücklichen Menschenmehr geben würde.
Die Mutter von Gepin, eine im Ostblock berühmte Naturwissenschaftlerin, die des Öfteren im Dienste der sozialistischen Regierungen geforscht und gearbeitet hat, entpuppt sich zum Schluss als eine geniale, jedoch gescheiterte Erfinderin (der Mythos von Marie Curie-Sklodowska, der polnischen Nobelpreisträgerinfür Physik und Chemie, wird so ad acta gelegt).
Das gesellschaftskritische Interesse des Autors Dariusz Muszer ist so breit gefächert, dass man sich fragen muss, welche Idee er in seinem Buch hauptsächlich propagieren will. Ähnlich wie Kurt Vonnegut benutzt Muszer seine Zukunftsvisionen, um unsere Zeit und unsere Epoche zu kommentieren, da nähert er sich auch der literarischen Vorgehensweise von Stanislaw Lem. Aber das ist kein klassischer Science-Fiction-Roman, sondern ein verzweifelter Aufschrei gegen die Dominanz des Verstandes und der Ratio in unserer modernen Welt. Wer William Blakesund Allen Ginsbergs Gedichte auch so als Waffe und Gegengift gegen die Dominanz der Ratio liest, wird an »Gottes Homepage« wohl großen Lektürespaßhaben.

Bemerkenswert ist der leichte Umgang mit Klischees und Stereotypen in den ostwestlichen Begegnungen und Auseinandersetzungen. Muszers Figuren, KZ-Aufseher und -Insassen, Guerillakämpfer, Soldaten, Naturwissenschaftler und Vertreter der europäischen und asiatischen Völker, kämpfen in einerpostapokalyptischen Welt ums Überleben, und da gibt es keinen Platz mehr für Antagonismen und Vorurteile des 20. Jahrhunderts. Rettung kommt von oben, vom Himmel. Die Niebieskis, Bewohner eines fremden Planeten namens Niebo (Himmel), stellen auf der Erde das öffentliche Leben wieder her und zwingen den Menschen ein totalitäres Hightech-Regime mit einer einzigen Sprache und einer einzigen Weltregierung auf - hier wird die Globalisierung humorvoll-ironisch aufs Korn genommen.
»Gottes Homepage« wäre kein bizarr-theologischer Roman, wenn es in ihm keine Anklänge an die biblischen Elohim gäbe, die Erschaffer und Beschützer des Gartens Eden. Muszers Elohim heißen »Niebieskis«. Ihnen ist der Mensch ein lästiges Tier geworden, das viel zu viel Pflege und Aufmerksamkeit braucht.


Rheinischer Merkur Nr. 32, · 9. August 2007

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