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Dame mit dem Hermelin

literaturkritik.de

Beobachtungen
aus dem Café Europejska

Artur Beckers Lyrik benötigt viel Geduld

Von Patricia Nickel

"Dame mit dem Hermelin" ist ein Lyrikband, der viele Fragen aufwirft. Artur Becker, Sohn polnisch-deutscher Eltern aus Bartoszyce (Masuren), 1997 mit einem Stipendium der Freien Hansestadt Bremen gefördert, stellt seinen Leser vor eine schwierige Aufgabe. Namen, Orte, historische Ereignisse tauchen auf, die – über das übliche Maß hinaus – kulturelles Wissen voraussetzen. Figuren der griechischen Mythologie, der Französischen Revolution und hauptsächlich des theologischen Raums kommen fast so häufig vor wie Todesahnung, Streben nach Macht und Krieg: "haben die Herrscher immer die Waffen / den Frieden und die Urnen / gegen deine Revolution."Aber auch Naturbeschreibungen, Alltagsbeobachtungen und die Liebe sind dem Bremer nicht unvertraut.

In vielen Gedichten gibt das lyrische Ich seiner Kritik an heutigen Verhältnissen eine historische Tiefendimension: "In der Stille lieben sie dich Paria - / dein unreifer Zeigefinger muß hingerichtet werden / von dem Henker Joseph Ignace Guillotin / bereits auf der Wendeltreppe ins Büro: / im Flur ein Getränkeautomat / an den Wänden die Fotos und Reportagen / alle mit dem Titel Die Diadochenkriege."Auch auf die kommunistische Vergangenheit Polens spielt er immer wieder an, dem gegenüber stellt er "Typen in wilden T-Shirts / Aus West-Germany die Neonfarben / Ein bißchen Jamaika Rum / und die gelbe Nacktheit."Doch alle Gesellschaftskritik gilt der Forderung, dass eine Diktatur "keine neue Chance bekommen" dürfe.

Von großer Bedeutung ist in "Dame mit dem Hermelin" das christliche Bekenntnis, wobei das lyrische Ich sich einmal in seinem Glauben zu verlieren scheint, mal auch verliert es sich selbst. Einerseits verurteilt Becker moderne Formen heutigen Ablasshandels und den Mammon als Passepartout in allen Lebenslagen: "Abgenommen von der Kette / Die Perlen die Gebete die Sonntage / Gut genährt die Urlauber und geile Stuten / In Minis / Für Münzen ist die Klage einreichbar / Und Erholung / Zugesichert". In seinem Gedicht "In den Geschäften mit den religiösen Waren" polemisiert er gegen diese Form des Profitwesens. Andererseits ist er in der Lage, eine nüchterne und fast respektlose Beobachterposition einzunehmen: "Gott schuf die Kellner / Und ließ sie dann allein / Angelehnt am Weichselbogen / Schaut er zu / Wie sie am Strand bedienen."

Ein weiteres wichtiges Thema ist in Artur Beckers Lyrik die Literatur, auf die eigens das Gedicht "Georg Trakl" hinweist, überhaupt die Kunst im umfassenden Sinne. Dann wieder geht es ihr darum, durch Jazz- oder Klassik-"Einspielungen" eine bestimmte "Straßencaféatmosphäre" zu evozieren. Nach diesem Lebensgefühl, während verschiedener Aufenthalte in Cafés von Krakau bis Paris erfahren, sehnt sie sich. Dabei kollidieren Beobachtungen aus Polen mit solchen aus Deutschland, eine Unsicherheit lässt erkennen, dass das lyrische Ich nicht immer weiß, wohin es gehört: "Ihr Alleen / Führt nicht sicher / Nach Haus."

Der Lyriker Artur Becker bedient sich des traditionellen Formenrepertoires nicht, oft weist gar nichts auf die Gedichtform hin. Seine Rede basiert auf einer stichwortartigen, elliptischen, gelegentlich an biblischer Sprache orientierten prosaischen Mitteilungsform, die von Dialogen durchsetzt ist. Bei manch längerem Gedicht ist ein erläuternder Untertext angefügt. Dieser reicht jedoch selten aus, wenn nur einzelne Figuren oder Orte näher erklärt werden.

Gleichwohl werden Gefühle, Ängste und Eindrücke des modernen Individuums auf eine ganz eigenwillige, anspruchsvolle Weise dargestellt, und aktuelle Probleme in eine poetische Darstellungsform gepackt. Ob mit "diese Welt ist ein Leichenfresser oder ob der Planet aber heißt Utopia / und niemand wird auf ihm als Tourist glücklich" nur unsere Erde gemeint ist, sei dahingestellt, sicher ist: "was zu beweinen bleibt / ist der Muskat / eine Prise Salz in der FAZ / Die zum Schweigen gebracht werden muß."

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